Als sie das erste Mal kamen, blieben sie nur knapp zwei Stunden. Dann war die Besetzung des Parlamentsgebäudes in der irakischen Hauptstadt Bagdad zu Ende. Zurück blieben Säcke voller Müll. "Ein Symbol dafür, was wir von den Parlamentariern halten", riefen die Demonstranten am Mittwochabend, nachdem sie die Absperrungen um das ehemalige Kongresszentrum, das seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 die Volksvertretung beherbergt, durchbrachen und das Gebäude stürmten. Als ihr Anführer sie zum Rückzug aufforderte, zogen sie ab.

Drei Tage später kommen sie wieder und bleiben, breiten Matratzen in den Gängen aus, schlafen auf den Stühlen der Abgeordneten, essen in der Lobby - Sitzstreik: Ende offen. Der Präsident des Parlaments hat bis auf weiteres die Sitzungen seines Hauses ausgesetzt. Seit den vorgezogenen Neuwahlen im Oktober letzten Jahres soll im Irak eine neue Regierung gebildet werden. Streit und Uneinigkeit zwischen den Abgeordneten hatten dies bis jetzt verhindert. Der Zorn der Iraker darüber hat sich nun Bahn gebrochen. Die Polizei setzt zwar Wasserwerfer ein, kann die große Zahl der Protestierer jedoch nicht aufhalten. Es gibt Verletzte.

Proporz aufbrechen

Seit Jahresbeginn scheiterten die Volksvertreter bereits drei Mal an der Wahl eines neuen Staatsoberhauptes. Das Präsidentenamt im Irak, das für eine Dauer von vier Jahren vergeben wird, ist weitgehend repräsentativ. Solange es jedoch keinen neuen Präsidenten gibt, kann auch keine neue Regierung gebildet werden. Dies schreibt die Verfassung vor. Bei vielen der Protestteilnehmer handelt es sich um Anhänger des einflussreichen Predigers und Schiitenführers Muktada al-Sadr, der die Wahlen im Oktober zwar gewann, aber keine Mehrheit im Parlament zustande brachte. Sadr will mit den von der amerikanischen Besatzung eingeführten Regeln einer Machtaufteilung nach Proporz zwischen Ethnie und Religion brechen und die Macht gemäß Stimmabgabe verhandeln.

Nicht mehr Kurden, Sunniten oder Schiiten sollen die Regierungsposten erhalten, sondern diejenigen, die die meisten Stimmen bekommen. Dagegen regt sich unbändiger Widerstand. Viele befürchten, vom Machtkuchen nichts mehr abzubekommen. Gegen Sadrs Linie steht vor allem der Iran, dessen Einfluss im Irak zwar schrumpft, der aber immer noch ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Im Juni beschloss al-Sadrs Block, seine Mitglieder aus dem Parlament zurückzuziehen, um die politische Blockade aufzulösen. Gleichzeitig kündigte der 47-Jährige an, er werde auch weiterhin genau die politischen Abläufe im Land beobachten. "Die Straße" werde weiter entscheiden, wer die Macht ergreift. Und das geschieht jetzt.

Seitdem die proiranischen Parteien Ex-Minister Schia al-Sudani als Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten im Parlament vorgeschlagen haben, läuft al-Sadr dagegen Sturm. Die Front verläuft zwischen den Schiiten, die sich dem Iran zugehörig fühlen und jenen, die sowohl den Iran, als auch die Amerikaner aus ihrem Land haben wollen - Sadrs Linie. Sudani ist das Gegenteil. Er war Mitglied der unter Saddam verbotenen und verfolgten Dawa-Partei. Sein Vater und fünf weitere Familienmitglieder wurden von den Schergen des ehemaligen Diktators ermordet. Damit begründet er die Legitimation seiner politischen Karriere. Als Minister für Menschenrechte im Kabinett Nuri al-Malikis von 2010 bis 2014 legte er in einem Gespräch mit dieser Zeitung seine Position dar. Er betrachte die Todesstrafe als ein Menschenrecht für die Opfer der Diktatur, sagte er. Die schiitischen Märtyrer müssten Gerechtigkeit erfahren. Sudani machte schon damals keinen Hehl aus seiner Sympathie für den Iran.

"Die Rückkehr Sudanis und Malikis will Sadr mit seinen Anhängern verhindern" analysiert Alia Talib die Situation. Die Journalistin kennt die politische Szene im Irak wie kaum eine andere. "Es gibt jetzt überall in Bagdad Plakate, die Malikis und Sudanis Fotos zeigen, durchgestrichen mit einem roten Kreuz", hat sie beobachtet. Die Front gegen die beiden sei gewaltig. Sie gelten nicht nur als politische Hardliner, sondern auch als extrem korrupt.