Lateinamerika scheint am Beginn einer neuen "rosa Welle" zu stehen. Wenn am Sonntag mit Gustavo Petro in Kolumbien erstmals in der Geschichte ein linker Präsident vereidigt wird, ist dies nach Mexiko, Argentinien, Peru, Bolivien und Venezuela das sechste Land mit einer linksgerichteten Regierung. Und mit Brasilien steht das größte Land Südamerikas bei den Wahlen im Oktober ebenfalls vor einem Linksschwenk.

Diese Entwicklung erinnert an das erste Jahrzehnt des Jahrtausends, als Lateinamerika eine erste sogenannte rosa Welle erlebte, die linke Präsidenten wie Luiz Inacio Lula da Silva in Brasilien, Hugo Chavez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien hervorbrachte, denen es gelang, wiedergewählt zu werden und sogar Nachfolger zu präsentieren. Doch spätestens mit dem Amtsenthebungsverfahren gegen Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff im Mai 2016 ebbte dies ab, und das politische Pendel schwang in Brasilien - wie anderswo - ins neokonservative bis rechte Lager um.

Der Begriff selbst ist ein Wortspiel. Er erinnert an Kampfbegriffe des Kalten Krieges, an die "rote Gefahr", die die USA gerne bemühten, um die Ausbreitung des Kommunismus zu beschreiben. Rosa ist die verwässerte Form; sie impliziert eine abgeschwächte, moderate ideologische Färbung.

Unberechenbarer Präsident

In den bisherigen Umfragen führt Lula deutlich - bisweilen sagen die Demoskopen voraus, dass es für den 76-Jährigen bei seiner sechsten Kandidatur womöglich bereits im ersten Wahlgang reichen könnte. Herausforderer und Amtsinhaber, der rechtsextreme Staatschef Jair Bolsonaro, erscheint mit rund 28 Prozent der beabsichtigten Stimmen abgeschlagen und ändert die Taktik.

Vor einigen Tagen lud er Botschafter in den Präsidentenpalast ein, um seine Vorbehalte gegen die elektronischen Wahlurnen zu bekräftigen - ohne diese jedoch mit Fakten zu unterlegen. Beobachter glauben gar, Bolsonaro versuche, im Falle einer Niederlage mit der Legende von gestohlenen Stimmen einen Putsch zu provozieren. "Ich betrachte das Risiko als real", sagt der Journalist und Politologe Helio Doyle aus Brasília. "Er äußert seine Absichten völlig unverhohlen. Nur weiß niemand, wann er es versuchen wird und ob er Erfolg hätte."

Die Kassen sind leer

Doch nicht nur für den frisch vereidigten Gustavo Petro in Kolumbien, auch für Brasiliens Lula wie auch deren Amtskollegen in den anderen Ländern böte sich eine deutlich unterschiedliche Ausgangslage als zu Beginn des Jahrtausends. Damals waren, insbesondere in Brasilien, die Staatskassen gut gefüllt. Lulas Vorgänger, Fernando Henrique Cardoso, hatte die Landeswährung Real stabilisiert, die Inflation gebändigt und wichtige Reformen bereits angestoßen. Lula übernahm ein bestelltes Feld. Zudem spülten hohe Rohstoffpreise Geld ins Budget. Niedrige Leitzinsen in den USA sorgten für ein vorteilhaftes Wachstumsklima.

Die Situation heute ist grundverschieden. Die geopolitische Lage ist instabil, die Kassen sind - nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie, die Südamerika härter getroffen hat als andere Regionen - leer, in Brasilien ist die Inflation zurück, die Arbeitslosigkeit hoch. An die 30 Millionen Menschen sind in die Armut gerutscht und hungern.

Die Arbeitsplätze, die entstanden, sind meist schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs. Fabricio Pereira da Silva, Politologe an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ), bezeichnet diese Prekarisierung als "Uberisierung". Zudem hat die seit 2013 andauernde Wirtschaftskrise in Brasilien zu einer "Reprimarisierung" der Wirtschaft geführt, wie es Pereira da Silva mit Blick auf den Primärsektor ausdrückt. Dabei rückten Produktion und Export von Agrarprodukten wieder in den Fokus - zweifellos ein Rückschritt. Wobei das keine völlig neue Entwicklung ist. Im Grunde ist in Brasilien seit den 1980er-Jahren eine Deindustrialisierung zu beobachten.

"Die neuen Regierungen müssen schlechte Nachrichten überbringen, und das ist nicht gut für die Zustimmungsraten", analysiert Oliver Stünkel in einem Gastbeitrag für "Americas Quarterly". Er ist Professor für Internationale Beziehungen bei der Stiftung Getulio Vargas (FGV) in Sao Paulo.

Chaos in Argentinien

Unklar ist auch, wie groß der regionale Zusammenhalt zwischen den Staaten sein wird. Denn inzwischen hat sich China auf dem Kontinent mächtig breitgemacht und etwa in Argentinien, wo ein anhaltendes Wirtschaftschaos herrscht, den Nachbarn Brasilien als wichtigsten Handelspartner abgelöst. Das steht nicht unbedingt im Einklang mit dem wachsenden ökologischen Bewusstsein: Fragen der Klima-Krise und der Verwüstung der Amazonasregion, warten auf Antworten, und die wird China kaum liefern.

Das hat die Gruppierung Lulas, die Arbeiterpartei PT, aber durchaus erkannt. In ihren Wahlkampf-Richtlinien stellt die Gestaltung der ökologischen Transformation einen Schwerpunkt dar. Das Thema bietet nicht nur wirtschaftlich ein großes Potenzial - bei allen Risiken und widrigen Rahmenbedingungen. Bei der Lösung der globalen Klima-Krise wird Brasilien eine zentrale Rolle spielen.

Lula dürfte die Chance auch ergreifen und sein Land zurück auf die internationale Bühne führen, nachdem es Bolsonaro zunehmend außenpolitisch isoliert hat und sogar mit dem Ausstieg aus dem Paris-Abkommen von 2015 drohte. Eine entscheidende Frage dabei dürfte nur sein: Wie viel Zeit bliebe Lula? Wie geduldig sind die Wähler? Sie sind nach vielen Jahren unterschiedlicher Krisen sicher nicht duldsamer geworden, und von einer neuen Regierung erwarten sie vor allem eine schnelle Verbesserung der sozialen Situation.(apa)