China hat ein groß angelegtes Manöver gestartet, um den Ernstfall zu proben: Ernstfall, das bedeutet den Angriff auf die benachbarte Insel Taiwan. Geübt wird mit scharfer Munition, mit weitreichenden Geschossen. Es geht um eine potenzielle Invasion des Eilandes, das von Peking als abtrünniges Territorium betrachtet wird.

Das militärische Muskelspiel der Chinesen ist eine direkte Reaktion auf den Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi in Taipeh. Die Visite hat die kommunistsche Führung in Peking enorm in Rage versetzt, die Rede ist hier von einer ungeheuerlichen Provokation. Peking hat Washington umgehend mit Vergeltung gedroht, doch vorerst bekommt Taiwan den Zorn des riesigen und militärisch aufgerüsteten Nachbarn zu spüren.

Die chinesischen Generäle haben die Gewässer um Taiwan kreisförmig in sechs Abschnitte unterteilt, in allen fahren Kriegsschiffe und Kampfjets auf. Teilweise rücken die Einheiten nur wenige Kilometer an die taiwanesische Küste heran. Sollte Taiwan reagieren und etwa das Feuer eröffnen, auch nur versehentlich, werde sofort ein Krieg gestartet, drohte Peking sinngemäß. Der Nachrichtenagentur afp gegenüber hieß es aus chinesischen Militärkreisen, die Manöver würden als "Vorbereitungen auf einen tatsächlichen Kampf" geführt.

Die Nerven liegen blank. Der Angriff Russlands auf die Ukraine vor mehr als fünf Monaten steckt der Weltgemeinschaft noch in den Knochen, schon rückt eine neue potenzielle militärische Katastrophe ins Blickfeld. Von einem unmittelbar bevorstehenden Kriegsbeginn kann noch nicht ausgegangen werden, sehr wohl aber davon, dass China Taiwans Verbindungen nach Außen kappt. China hat Airlines bereits davor gewarnt, die Sperrzonen während der Manöver zu überfliegen. Der taiwanische internationale Flughafen Taoyuan hat Flüge gestrichen, Frachtschiffe werden auf neue Routen umgeleitet.

Eine Isolation Taiwans hätte enorme Folgen - nicht nur für die Insel selbst, sondern auch für die Weltwirtschaft. Taiwan ist durch seine Elektro- und Halbleiterindustrie für die Herstellung zahlloser Produkte wichtig, eine Blockade hätte unabsehbare Folgen für die ohnehin bereits empfindlich gestörten globalen Lieferketten.

Großer strategischer Vorteil

In Taiwan hat man in den vergangenen Monaten die Militärstrategie der Ukrainer gegen die überlegenen Russen genau studiert und seine Schlüsse gezogen. Auch die taiwanesischen Streitkräfte sind denen der kommunistischen Supermacht China deutlich unterlegen, also will man im Ernstfall wie die Ukrainer auf "asymmetrische Kriegführung" setzen, um die Streitkräfte schwerer angreifbar zu machen. Dazu dienen etwa auf gewöhnliche Kfz montierte Raketen.

Taiwan hat im Gegensatz zur Ukraine den enormen Vorteil, dass es von seinem Widersacher durch eine Meeresstraße getrennt ist. Ein derartiges Hindernis war schon im Zweiten Weltkrieg im Fall Nazi-Deutschland und Großbritannien eine unüberwindbare Barriere. Das hat sich auch im 21. Jahrhundert nicht grundlegend verändert. Strategen zufolge kann Taiwan durch seine Insellage Anzeichen für chinesische Militärbewegungen und Vorbereitungen für eine Invasion leicht erkennen. China müsste hunderttausende von Soldaten und Ausrüstung wie Schiffe mobilisieren, die leicht von taiwanesischen Raketen erfasst werden könnten. Das Schicksal des russischen Flaggschiffs "Moskwa", das, auch wenn Russland dementiert, offenbar von Abwehrraketen versenkt wurde, spricht Bände. Darüber hinaus hat Taiwan Raketen entwickelt, die weit nach China reichen.

Die Invasion in der Normandie 1944 zeigt, wie verlustreich Anlandemanöver sein können. Auch in Taiwan wären die Chinesen noch lange nicht auf der sicheren Seite. Denn wie die Ukrainer setzen die Taiwanesen auf mobile Waffen - etwa die im eigenen Land entwickelte Kestrel-Schulterrakete zur Bekämpfung von Panzern. Die Erfahrungen aus dem ukrainisch-russischen Krieg, wo die Ukraine vor allem in der Anfangsphase derartige Panzerfäuste sehr erfolgreich eingesetzt hat, stimmen Taiwan optimistisch.

Entscheidend wäre aber ohnehin, ob die USA im Fall eines chinesischen Angriffs militärisch eingreifen oder nicht. Präsident Joe Biden hat im Vorjahr in einem Interview betont, dass man die "Verpflichtung" habe, Taiwan zu verteidigen. US-Truppen sind dort zwar nicht stationiert, die USA haben aber Kriegsschiffe und Flugzeugträger in der Region. Und die USA sind eines der wenigen Länder, die es noch wagen, Waffen an Taiwan zu schicken und China so gegen sich aufzubringen.