Bei den Manövern um Taiwan hat die chinesische Volksbefreiungsarmee am Samstag nach Einschätzung des taiwanischen Militärs einen Angriff auf den demokratischen Inselstaat "simuliert". Die USA warnten, dass Spannungen in der Taiwanstraße Auswirkungen auf die ganze Region hätten. US-Außenminister Antony Blinken wies in Manila darauf hin, dass fast 90 Prozent der größten Schiffe der Welt jedes Jahr die 130 Kilometer breite Meerenge passieren, die das Festland und Taiwan trennt.

China setzte seine am Donnerstag begonnenen Manöver rings um Taiwan am Samstag wie geplant fort. Der Fokus liege darauf, die Angriffsfähigkeiten zu Lande und zur See zu testen, teilte das Einsatzkommando Ost am Samstag mit. Die Übungen würden nördlich, südwestlich und östlich der Insel ausgeführt. Sie sollen bis Sonntagmittag dauern.

Als Reaktion auf die Angriffsübungen schickte Taiwans Militär Flugzeuge, Warnungen über Funk und mobilisierte Raketenabwehrsysteme, um die chinesischen Flugzeuge zu verfolgen, wie das Verteidigungsministerium in Taipeh berichtete. Zahlreiche Militärmaschinen und Kriegsschiffe hätten in der Nähe Taiwans operiert. Einige von ihnen hätten die inoffizielle, aber meist von beiden Seiten respektierte Mittellinie in der Taiwanstraße überquert.

Allein am Vortag hatte die Volksbefreiungsarmee eine "Rekordzahl" von 68 Militärmaschinen und 13 Marineschiffen in Gewässer nahe der Insel geschickt, wie Taiwans Militär berichtete. Außenminister Joseph Wu verurteilte "diese gefährliche Eskalation der militärischen Bedrohung, die Frieden und Stabilität in der Region zerstört".

Wegen Pelosi verärgert

China hatte die bis Sonntag angekündigten Manöver als Reaktion auf den Besuch der Vorsitzenden des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, in Taiwan gestartet. Es war die ranghöchste Visite aus den USA seit einem Vierteljahrhundert. China ist verärgert, weil es Taiwan für sich beansprucht. Es sieht die Insel als Teil der Volksrepublik an und lehnt offizielle Kontakte anderer Länder vehement ab. Die Insel versteht sich aber schon lange als unabhängig.

Als weitere Reaktion setzte China den Dialog mit den USA im Klimaschutz und über verschiedene Militärkanäle aus. Auch wurden andere Kooperation wie im Kampf gegen Verbrechen, Drogen und zur Rückführung illegal eingereister Menschen ganz gestrichen. Zusätzlich verhängte Peking nicht näher beschriebene Sanktionen gegen Pelosi und sogar gegen direkte Familienmitglieder. Chinas Führung wirft ihr vor, sich "ernsthaft in innere Angelegenheiten eingemischt" zu haben.

Taiwan schoss zur Warnung mit Leuchtraketen auf chinesische Drohnen, die über den taiwanesischen Kinmen-Inseln, zwei Kilometer vor der Küste Chinas flogen. Weitere Leuchtraketen wurden zur Warnung bei nicht identifizierten Flugzeugen über den Matsu-Inseln eingesetzt. Dies gab das Verteidigungsministerium in Taiwan am Samstag bekannt. Beide taiwanesischen Inselgruppen liegen direkt vor der Küste des chinesischen Festlands. Das Ministerium erklärte, seine Truppen seien in beiden Gebieten in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden.

Blinken: Pelosis Besuch für China Vorwand

Unterdessen hat US-Außenminister Antony Blinken China vorgeworfen, den Besuch Pelosis in Taiwan zu benutzen, um die Spannungen um die demokratische Insel zu eskalieren. Peking habe bereits in den vergangenen Jahren "zunehmend destabilisierende und potenziell gefährliche Aktionen in Bezug auf Taiwan durchgeführt", sagte Blinken am Samstag bei einem Besuch auf den Philippinen.

Die Änderung des Status quo in der Meerenge der Taiwanstraße gehe von Peking aus, nicht von den Vereinigten Staaten, erklärte Blinken mit Blick auf die chinesischen Raketentests und Militärübungen in der Nähe von Taiwan. Blinken sprach von einem "totalen Missverhältnis" zwischen Pelosis friedlichem Besuch einerseits und Chinas eskalierenden Militärmanövern andererseits. Unter anderem habe Peking elf ballistische Raketen abgeschossen, darunter fünf, die nach Angaben Japans im Meer ganz in der Nähe der japanischen Küste gelandet seien.

Treffen mit philippinschem Präsidenten

Blinken hatte bereits in den vergangenen Tagen bei einem Treffen der Außenminister des südostasiatischen Staatenbundes Asean im kambodschanischen Phnom Penh das Verhalten Chinas scharf kritisiert. Auf den Philippinen traf er unter anderem mit dem neuen Präsidenten Ferdinand Marcos Jr. zusammen. Die USA wollten mit dem Inselstaat eng zusammenarbeiten und die Beziehungen zwischen beiden Ländern weiter vertiefen.

"Unser Bündnis ist stark", sagte Blinken in Manila mit Blick auf einen 1951 verabschiedeten Verteidigungspakt zwischen beiden Ländern, der eine gegenseitige militärische Beistandsverpflichtung im Falle eines externen Angriffs vorsieht. "Wir sind dem gegenseitigen Verteidigungsvertrag verpflichtet, und wir sind entschlossen, mit Ihnen an gemeinsamen Herausforderungen zu arbeiten", sagte Blinken nach einem Treffen mit dem philippinischen Präsidenten im Malacañang-Palast.

Marcos Jr. betonte, die jüngsten regionalen und globalen Spannungen wie der Besuch Pelosis in Taiwan und der Krieg in der Ukraine hätten die Bedeutung der Beziehung zwischen Manila und Washington noch weiter hervorgehoben. "Ich hoffe, dass wir diese Beziehung angesichts all der Veränderungen, deren Zeuge wir werden, weiterentwickeln werden", so der neue Präsident.

Er ist der Sohn des früheren Diktators Ferdinand Marcos (1917-1989) und dessen exzentrischer Frau Imelda (93). Das Marcos-Regime machte einst mit Mord, Folter und dem Verschwindenlassen politischer Gegner von sich reden. (dpa/reuters)