Vor einem Jahr eroberten die radikalislamischen Taliban inmitten des laufenden Abzugs der Nato- und US-Truppen Afghanistan. In atemberaubendem Tempo fiel eine Provinzhauptstadt nach der anderen in die Hände der Islamisten, die am 15. August kampflos in der Hauptstadt Kabul einmarschierten. Seither sind Armut, Hunger und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Entgegen der Versprechungen der Taliban wurden die Rechte von Frauen und Mädchen in beinahe allen Lebensbereichen beschnitten. Im Interview spricht Afghanistan-Expertin Gabriele Rasuly-Paleczek über ein Land, das keine Perspektive zu haben scheint.

Wiener Zeitung: Was hat ein Jahr Herrschaft der Taliban aus Afghanistan gemacht? Wie ist die Lage im Land heute?

Gabriele Rasuly-Paleczek: Die humanitäre Situation in Afghanistan ist dramatisch und wird in den Medien kaum berücksichtigt. Inzwischen kommt es in den meisten Regionen zwar zu weniger gewaltsamen Auseinandersetzungen, dennoch sind gegenwärtig 3,5 Millionen Afghanen interne Vertriebene durch Konflikte. Die ökonomische Situation im Land ist so schlecht, dass viele nicht in ihre Ursprungsgebiete zurück können. Die Leute fühlen sich bedroht durch die Taliban, weil sie zum Beispiel einer ethnischen oder religiösen Minderheit angehören. Dazu kommen 180.000 zusätzliche Flüchtlinge, die ins Ausland wollen. Darunter sind vor allem Personen, die früher für die afghanische Regierung gearbeitet haben und jetzt ihre Jobs verloren haben und sich bedroht fühlen.

Gabriele Rasuly-Paleczek ist Professorin an der Universität Wien. Sie ist Afghanistan-Expertin und hat die afghanische Migration nach Österreich untersucht.
Gabriele Rasuly-Paleczek ist Professorin an der Universität Wien. Sie ist Afghanistan-Expertin und hat die afghanische Migration nach Österreich untersucht.

Laut Berichten ist die Menschenrechtslage in Afghanistan katastrophal. Wie geht die Bevölkerung damit um?

Nach UN-Angaben leben rund 97 Prozent der Afghanen in Armut. Es gibt keine genauen Zahlen zur Gesamtbevölkerung Afghanistans; im Moment wird diese auf 42 Millionen Menschen geschätzt. Das wären also 40,7 Millionen Menschen, die in Armut leben. Davon benötigen laut der UNO 24,4 Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte, humanitäre Hilfe, die allerdings nur schwer ins Land kommen kann. Im Moment haben 90 Prozent der afghanischen Haushalte zu wenig zu essen.

Mehr als 70 Prozent des afghanischen Staatshaushaltes kamen vor dem Machtwechsel aus dem Ausland. Diese lebensnotwendigen Einnahmen fließen nun nicht mehr. Was bedeutet das für das Land?

Afghanistan war bis zum Ende der vorherigen Regierung massiv auf internationale Unterstützung angewiesen, um überhaupt den Staat am Laufen zu halten. Das heißt also zum Beispiel: Um die Lehrer zu bezahlen, um das Gesundheitssystem zu erhalten, war das Land auf internationale Hilfsmittel angewiesen. Die verschiedenen Regierungen haben das seit 2002 in umfangreicher Weise unterstützt. Jetzt stehen die Taliban vor dem Problem, dass dieses Geld weggebrochen ist und damit ein Großteil des Budgets nicht finanziert werden kann. Die USA haben sämtliche Mittel, die Afghanistan in den kommenden Jahren bekommen sollte, eingefroren. Wenn der Staat zu mehr als 70 Prozent früher von ausländischem Geld abhängig war, um Gehälter zahlen zu können, um die Infrastruktur am Laufen zu halten, Medikamente zu importieren und Ähnliches, und das jetzt nicht gegeben ist, dann müssen die Taliban irgendwelche anderen Quellen haben. Sei es, dass ihnen die Golfstaaten weiterhin auf diversen Wegen illegalerweise Geld zukommen lassen oder über den Drogenhandel. Man hatte von Seiten der internationalen Gemeinschaft gehofft, dass die Taliban zu Konzessionen bereit wären, wenn man ihnen finanzielle Unterstützung anbietet. Das ist natürlich nicht der Fall.

Wie ist die afghanische Bevölkerung konkret von der prekären wirtschaftlichen Situation betroffen?

Viele Afghanen leben von der Hand in den Mund, weil die Arbeitslosigkeit insgesamt hoch ist. Das heißt, viele Afghanen und Afghaninnen müssen jetzt ihre Ausgaben deckeln oder ihre Ressourcen verkaufen, sei es der Hausvorrat, seien es Zugtiere oder Ähnliches. Und viele Familien, die kaum überleben können, gehen dann auch zu fürchterlichen Strategien über - indem sie zum Beispiel ihre Kinder zum Kauf anbieten. Auch Organspenden werden in Berichten häufig genannt, oder dass es zur Verheiratung von Töchtern in sehr frühem Alter oft mit sehr alten Männern kommt.

Die Rechte von Frauen und Mädchen wurden von den Taliban in fast allen Lebensreichen beschnitten. Welche Vorschriften gibt es?

Frauen und Mädchen leiden besonders unter den Maßnahmen rund um die Etablierung "islamischer Werte". Das betrifft natürlich die Bekleidung. Aber es gibt für Frauen auch ein Verbot, die Wohnung ohne triftigen Grund zu verlassen. Und wenn sie sie verlassen wollen, müssen sie eigentlich einen männlichen "Mahram", also einen Begleiter wie den Ehemann, Sohn, Onkel, Vater, mithaben, damit sie sich im öffentlichen Raum bewegen dürfen. Außerdem haben Mädchen nur einen beschränkten Zugang zur Bildung. Die Taliban erlauben Unterricht nur bis zur sechsten Schulstufe, danach gibt es für Mädchen nichts mehr. Dann ist natürlich der Zugang zu Arbeit und zum Reisen stark eingeschränkt. Eigentlich haben Frauen gar keine Zukunftsperspektiven. Selbstmord ist in der afghanischen Kultur und in islamischen Gesellschaften ein Tabuthema. Und auch wenn es dazu keine Zahlen gibt, ist schon anzunehmen, dass die Traumatisierung von Frauen, psychische Erkrankungen und Selbstmord zunehmen werden.

Gibt es im Land zivilen oder organisierten Widerstand gegen die Taliban-Herrschaft?

Es gibt oder gab natürlich Protestaktionen, die aber zunehmend weniger werden, weil sie verboten werden. Generell gilt, dass Demonstrationen gegen die Taliban verboten und streng geahndet werden. Es finden auch systematische Hausdurchsuchungen statt, um herauszufinden: Wer ist gegen das Regime? Wer hat vormals für die Regierung gearbeitet? In welcher Funktion? Das heißt, solche Leute trauen sich einfach nicht mehr in den öffentlichen Raum, vor allem Frauen. Und bei Journalisten insgesamt, sowohl bei männlichen als auch weiblichen, kommt dazu: Es wurden so viele Fernseh- und Radiostationen geschlossen, dass diejenigen, die überhaupt noch operieren, eigentlich Selbstzensur üben.

Ist es absehbar, dass sich in naher Zukunft etwas am Machtgefüge in Afghanistan ändern wird?

Ich glaube, da muss man jetzt anders denken. Auf der einen Seite wäre der politische Widerstand. Die Leute treten für ihre Rechte ein und versuchen, auch die Öffentlichkeit im Ausland zu mobilisieren. Das findet im Moment aufgrund anderer Konflikte wenig Widerhall, weil der Krieg in der Ukraine die Medien dominiert. Ich glaube, der Hauptkonflikt wird sich jetzt und auch in der näheren Zukunft abspielen zwischen den Taliban und dem Islamischen Staat (IS) in Afghanistan, der sich "Islamic State in Khorasan Province" nennt. Die beiden sind schon seit längerem verfeindet. Die Taliban sind ihrerseits keine homogene Gruppe. Innerhalb der Taliban gibt es das sogenannte Haqqani-Netzwerk. Der Anführer dieser Gruppe ist jetzt auch Innenminister, und der hat offensichtlich Beziehungen zur Al Kaida.

Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri wurde Ende Juli vermutlich im Haus des afghanischen Innenministers in Kabul getötet. Welche Auswirkungen hat die Tötung auf Afghanistan?

In der Politik wird diskutiert, wie weit die Taliban das Doha-Abkommen noch erfüllen. Demnach haben sie sich eigentlich dazu bereit erklärt, keine radikalen Elemente so wie in den 1990er Jahren zu beherbergen. Die Taliban sagen ihrerseits, die USA hätten das Abkommen verletzt, weil sie die Souveränität Afghanistans nicht anerkannt haben. Die Amerikaner werden wahrscheinlich versuchen, weiterhin solche Elemente auszuschalten. Wie weit sie da aber jetzt gegen den IS selbst vorgehen, ist mir noch nicht bekannt.

Welche Rolle kann die internationale Staatengemeinschaft für die Zukunft des Landes spielen?

Die UNO versucht nach wie vor als einzige, humanitäre Hilfe zu organisieren und etwas mit den Taliban auszuhandeln. Bei der ersten Hilfskonferenz in Oslo im Jänner wurden die Taliban eingeflogen. Man hat versucht, ihnen Zugeständnisse abzuringen und dafür hätte man großzügige Hilfe gewährt. Zwei Monate später gab es dann in London eine ähnliche Tagung, wo sie nicht mehr eingeladen wurden, weil klar geworden ist, dass sich nichts ändert. Es wird jetzt versucht, Möglichkeiten zu finden, über die Nothilfe hinaus Unterstützung zu leisten. Aber es ist extrem schwierig. Das Dilemma ist: Würde dies direkt über die Taliban laufen, käme das einer offiziellen Anerkennung der Extremisten gleich - und das will man auf gar keinen Fall. Und man möchte natürlich auch nicht, dass die Taliban Zugriff auf die Hilfe haben, die ins Land kommt. Man vertraut ihnen nicht und weiß nicht, was sie mit dem Geld machen würden. Und daher ist es extrem schwierig, die Hilfe an die Bevölkerung zu bringen.