Gut eine Woche nach der von Russland vermittelten Waffenruhe zwischen Armenien und Aserbaidschan wird an der Grenze der beiden Ex-Sowjetrepubliken wieder geschossen. Die Regierungen in Jerewan und Baku beschuldigten einander am Freitag, dass das jeweils andere Militär zuerst das Feuer eröffnet habe. Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan hatte dem Nachbarstaat zuvor bei der UNO-Generaldebatte "unsägliche Gräueltaten" vorgeworfen.

Es gebe "Beweise für Folterungen, Verstümmelungen gefangen genommener oder bereits getöteter Soldaten sowie für Misshandlungen Kriegsgefangener", sagte Paschinjan am Donnerstag (Ortszeit) in seiner Rede vor den Vereinten Nationen. Der Körper einer armenischen Soldatin sei "von aserbaidschanischen Soldaten verstümmelt und auf Video aufgenommen" worden. Solche "unsäglichen Gräueltaten" seien die "direkte Folge einer jahrzehntelangen Politik der aserbaidschanischen Führung, die der Gesellschaft im Land Hass auf Armenier einpflanzt", sagte Paschinjan.

Gegenseitige Beschuldigungen

Am Freitag erklärte dann zuerst das armenische Verteidigungsministerium, Aserbaidschan habe in der Früh von verschiedenen Standorten aus armenische Stellungen beschossen. Kurz darauf teilte das Verteidigungsministerium Aserbaidschans mit, Armenien habe bereits seit Donnerstagabend drei verschiedene Bereiche des Grenzgebiets neun Stunden lang immer wieder unter Beschuss genommen. Beide Seiten erklärten, sie hätten zurückgeschossen.

Der seit langem schwelende Konflikt war Dienstag vergangener Woche wieder in Gewalt umgeschlagen. Nach zwei Tagen Kämpfen, bei denen fast 200 Soldaten getötet wurden, verkündete Armenien die Vereinbarung einer Feuerpause.

Die beiden Länder streiten seit Jahrzehnten über das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Bergkarabach. Völkerrechtlich gehört das Kaukasusgebiet zu Aserbaidschan, von dem es sich aber 1991 losgesagt hatte. Der Konflikt war 2020 in einem Krieg eskaliert, der nach sechs Wochen mit einer von Russland vermittelten Waffenruhe beendet wurde.

Als Teil der Vereinbarung schickte die Moskauer Regierung anschließend Tausende Soldaten in die Region, um den Frieden zu überwachen. Armenien ist militärisch mit Russland verbündet, das aber auch freundschaftliche Verbindungen zu Aserbaidschan aufrechtzuerhalten versucht. Aserbaidschan wird militärisch und finanziell von der Türkei unterstützt. (apa,afp)