Die Kritik in der russischen Elite an der Militärführung war in den vergangenen Wochen immer lauter geworden, jetzt hat Präsident Wladimir Putin reagiert: Genau sieben Monate nach Beginn des Kriegs gegen die Ukraine wurde nach der Teilmobilmachung nun auch der Stellvertretende Verteidigungsminister Dmitri Bulgakow seines Amtes enthoben. Offiziell wurde der Vize von Verteidigungsminister Sergei Schoigu, dessen Rücktritt ebenfalls gefordert wird, "auf einen anderen Posten" versetzt. Sein Nachfolger soll Generaloberst Michail Misinzew werden, der bisher das nationale Zentrum für Verteidigungsmanagement leitete. Er soll künftig insbesondere für die Logistik der Armee zuständig sein.

Misinzew ist auch im Ausland bereits bekannt: So wurde er für die schweren Angriffe auf die südukrainische Hafenstadt Mariupol verantwortlich gemacht, die Ende Mai von den Russen erobert worden war. Während der wochenlangen Belagerung wurden ukrainischen Angaben zufolge Tausende Zivilisten getötet und ein Großteil der Stadt zerstört. In Großbritannien steht Misinzew, der auch als "Schlächter von Mariupol" bezeichnet wird, deshalb auf einer Sanktionsliste.

Russische Raketen auf Staudämme

In der Ukraine versucht die russische Armee unterdessen laut dem britischen Verteidigungsministerium, mit dem Beschuss von Staudämmen offenbar das anhaltende Vorrücken der ukrainischen Streitkräfte zu stoppen. So hätten russische Soldaten kürzlich mit Kurzstreckenraketen oder ähnlichen Waffen im Nordosten der Ukraine einen Staudamm auf dem Fluss Siwerskyj Donez beschossen, heißt es im täglichen Lagebericht des Ministeriums.

Einige Tage zuvor habe es bereits einen ähnlichen Angriff auf einen anderen Damm gegeben. Die russischen Kommandeure, die wegen ihrer jüngsten operativen Rückschläge zunehmend beunruhigt seien, versuchten vermutlich, die Schleusentore zu zerstören, um Überquerungsstellen des ukrainischen Militärs zu überschwemmen. Allerdings sei es unwahrscheinlich, dass die Angriffe auf die Dämme die ukrainischen Militäroperationen nennenswert unterbrochen hätten.

Biden droht Putin weitere Sanktionen an

In den ostukrainischen Separatistengebieten Donezk und Luhansk im Donbass sowie in den südukrainischen Regionen Cherson und Saporischschja laufen derweil die höchst umstrittenen Referenden weiter. Ungeachtet scharfer internationaler Proteste gingen am Samstag auch am zweiten Tag der Abstimmungen weiter pro-russische Behördenvertreter von Tür zu Tür, um Stimmen einzusammeln. Wahllokale sollen erst am Dienstag, dem letzten Tag der Abstimmungen, geöffnet werden.

Danach wird mit einer raschen Annexion durch Moskau gerechnet. Kiew und seine westlichen Verbündeten kritisieren die Abstimmungen als "Scheinreferenden". Ein Anschluss der vier ukrainischen Regionen an Russland infolge der "Referenden" wird vom Westen als illegal verurteilt. Sie dienten als "falscher Vorwand", um den Status von souveränem ukrainischem Territorium zu verändern, das russischer Aggression zum Opfer gefallen sei, heißt es in einer Erklärung der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden demokratischen Wirtschaftsmächte (G7). "Diese Aktionen sind ein klarer Bruch der Charta der Vereinten Nationen und des internationalen Rechts."

US-Präsident Joe Biden droht Russland für den Fall von Annexionen nach den Referenden, die er als "Farce" bezeichnet, zusätzliche harte Sanktionen an. Der Versuch, Teile der Ukraine gewaltsam zu annektieren, stelle "eine eklatante Verletzung des Völkerrechts dar", so Biden. Die USA würden gemeinsam mit ihren Verbündeten und Partnern daran arbeiten, dass in diesem Fall weitere "schnelle und harte" wirtschaftliche Maßnahmen gegen Russland ergriffen würden, hieß es in Bidens Erklärung. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich in seiner täglichen Videobotschaft am Freitag überzeugt, dass die Staatengemeinschaft auf die sogenannten Referenden angemessen reagieren wird. "Die Welt wird absolut gerecht auf die Pseudo-Referenden reagieren - sie werden unmissverständlich verurteilt", sagte Selenskyj.