"Wiener Zeitung": Herr Stuenkel, am kommenden Sonntag stellt sich Brasiliens ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro zur Wahl. Vieles deutet darauf hin, dass er gegen seinen Herausforderer Ex-Präsident Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei verlieren wird. Was wird das Erbe Bolsonaros sein?

Oliver Della Costa Stuenkel: Erstens gibt es heute eine extreme Rechte in Brasilien, die nicht wieder verschwinden wird. Es hat sich zweitens durch die Erleichterung des Waffenerwerbs eine Waffenkultur herausgebildet. Viele Brasilianer, besonders rechte, sind heute bewaffnet. Drittens hat Bolsonaro den brasilianischen Staat stark geschwächt. Insbesondere im Umweltschutz, bei der Bildung und Gesundheit hat er durch die massive Kürzung von Geldern riesige Schäden angerichtet. Zahlreiche qualifizierte Leute sind aus den Behörden fortgegangen. Es hat Jahrzehnte gedauert, um beispielsweise die Umweltpolizei Ibama aufzubauen, die sehr effektiv die Abholzung des Amazonas bekämpfte. Bolsonaro hat sie praktisch auseinandergenommen. Es wird Jahr dauern, um sie wieder aufzubauen.

Oliver Della Costa Stuenkel, 40, lehrt als Professor an der Getulio Vargas Stiftung (FGV) in São Paulo. Der Deutsch-Brasilianer ist Autor der Bücher "The BRICS and the Future of Global Order" und "Post-Western World: How Emerging Powers Are Remaking Global Order". Er ist ein national und international gefragter Kolumnist und Gastkommentator. 
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Oliver Della Costa Stuenkel, 40, lehrt als Professor an der Getulio Vargas Stiftung (FGV) in São Paulo. Der Deutsch-Brasilianer ist Autor der Bücher "The BRICS and the Future of Global Order" und "Post-Western World: How Emerging Powers Are Remaking Global Order". Er ist ein national und international gefragter Kolumnist und Gastkommentator. - © privat

Ist der Bolsonarismus eine Gefahr für die Demokratie?

Bolsonaro ist letztlich ein Caudillo lateinamerikanischer Prägung, ein Populist mit autoritären Ambitionen. Ich vergleiche ihn oft mit Venezuelas verstorbenem Präsidenten Hugo Chávez, natürlich mit anderen ideologischen Vorzeichen. Beide versuchten, die Macht in der Exekutive zu konzentrieren und die Regierung zu militarisieren. Sie haben die Medien und die Universitäten angegriffen. Sie haben versucht, die Bürokratie zu politisieren und ihre Länder international isoliert. Und beide kommunizierten über ihre eigenen Kanäle mit dem Volk, um die Medien zu umgehen. Dort erzählt Bolsonaro jetzt seinen Anhängern, dass er die Wahl im ersten Wahlgang gewinnen werde. Die glauben das und sagen, dass die Umfragen gefälscht seien. Rund ein Viertel von Bolsonaros Wählern ist dagegen, dass er eine Niederlage akzeptiert.

Das klingt nach dem Vorgehen Donald Trumps in den USA.

Wir sind noch nicht dort angelangt, wo die USA heute stehen. Dort sagt ein Großteil der Republikaner, dass Biden die Wahl nicht gewonnen hat. Aber es gibt auch in Brasilien eine Radikalisierung, von der nicht klar ist, wohin sie führen wird. Meine größte Sorge ist, dass es nach dem Votum zu Gewalt und Chaos kommt. Und langfristig könnte es ein Problem sein, wenn 20 oder 30 Millionen Leute sagen, Lula ist nicht mein Präsident, ich muss keine Steuern mehr zahlen. Dann wäre jeder Verrücktheit Tür und Tor geöffnet.

Wie erklären Sie den Aufstieg Bolsonaros, warum wählen ihn immer noch so viele Menschen?

Brasilien hatte in den letzten zehn Jahren null Prozent Wirtschaftswachstum. Es war eine verlorene Dekade. Das Land ist in einem katastrophalen Zustand. Die Leute meiner Generation zum Beispiel haben nichts angespart, keiner hat ein Haus finanziert. Es herrscht Frustration. Dabei gab es von 2002 bis 2013 eine große Euphorie. Millionen Menschen kauften Motorräder, Kühlschränke und schickten ihre Kinder zur Uni. Dann kam die Stagnation und in der Pandemie gab es enorme Rückschritte. In den Augen vieler Brasilianer funktioniert das System nicht, weswegen sie anfällig für radikale Ideen sind. Ein Extremist wie Bolsonaro steigt ja in einer stabilen Gesellschaft nicht auf. Zweitens wird häufig übersehen, dass zahlreiche progressive Reformen in Brasilien von den Gerichten kamen und nicht von der Politik. Viele Fortschritte im Bereich der Menschenrechte waren Neuinterpretationen durch die Justiz, beispielsweise die Schwulen-Ehe. Rechte Kritiker sagen nun, dass dies nicht demokratisch ist. Bolsonaros Anhänger sind Menschen mit Furcht vor progressiven Veränderungen, etwa durch den Feminismus. Sie teilen das Gesellschaftsbild Wladimir Putins. Ein dritter wichtiger Punkt für die Beständigkeit Bolsonaros ist, dass seine Wähler keinen Zugang mehr zu den traditionellen Medien haben. Sie leben in einer separaten Informationswelt. Alles, was sie sehen und hören, ist stramm rechts.

Bolsonaro hat Brasilien außenpolitisch isoliert. Würde das Land unter einem Präsidenten Lula international wieder an Gewicht gewinnen?

Brasilien ist heute außenpolitisch isolierter als jemals seit der Redemokratisierung 1988. Bolsonaro feierte diese Abschottung, seine Leute sagten, wir machen etwas richtig, wenn die liberalen Demokratien uns schneiden. Außer mit Serbien, Polen und Ungarn würde Brasilien heute kein bilaterales Treffen in Europa mehr hinkriegen. Das wird sich unter Lula innerhalb von 24 Stunden ändern. In den Bereichen Umwelt, Menschenrechte, Multilateralismus und Demokratie wird Brasilien sofort wieder ein Partner sein. Ob es unter Lula zu einer schnellen Verabschiedung des Freihandelsabkommens mit der EU kommt, ist weniger klar. Lulas Arbeiterpartei ist nicht pro Globalisierung. Sie tickt protektionistisch. Lula ist die Industrialisierung Brasiliens wichtiger als der Freihandel. Er will nicht nur Exporteur von Rohstoffen und Importeur von Industriegütern sein. Wo Brasilien auf keinen Fall ein Partner der EU sein wird, ist in der Russland- und China-Frage. Da gibt es keine Überschneidung von Interessen. Lula ist Realpolitiker. Er sagt: Unsere Beziehungen zu Moskau und Peking sind genauso wichtig wie zu Washington und Brüssel. Lula ist Anhänger einer multipolaren Welt. Er will nicht Teil eines Blocks sein. Daher wird Brasilien unter ihm wahrscheinlich wieder zu einem international gefragten Vermittler.