Xi Jinping werde der liberalste Führer der chinesischen Geschichte sein, mutmaßten einige Beobachter, als er 2012 Staats- und Parteichef wurde. Xis Familiengeschichte und seine unauffällige Art verleiteten sie zu dieser Hoffnung, die in den zehn Jahren seiner Herrschaft gründlich enttäuscht wurde. Vielmehr erwies sich Xi in seinem Ehrgeiz als rücksichtslos und intolerant gegenüber Andersdenkenden, und heute hat sein Kontrollzwang beinahe alle Lebensbereiche durchdrungen.

Am Wochenende konnte Xi seine Macht weiter ausbauen: In einem Bruch mit jahrzehntelangen Regeln ernannte das Zentralkomitee der Kummunistischen Partei den 69-Jährigen am Sonntag für eine dritte Amtszeit zum Generalsekretär und ebnete ihm damit den Weg für ein drittes Mandat an der Staatsspitze. Im mächtigen Ständigen Ausschuss sitzen neben Xi zudem nur noch enge Verbündete.

Seit Staatsgründer Mao Zedong hatte kein Staatschef mehr eine derartige Machtfülle wie nun Xi, seit Mao gab es auch nicht mehr einen solchen Personenkult um einen Staatschef wie um Xi. Dennoch bleibt der 69-Jährige, abgesehen von seiner von der Partei in farbenfrohe Bilder verpackten Lebensgeschichte, ein Rätsel.

Ein Kind der Parteielite

"Ich bestreite die übliche Auffassung, dass Xi Jinping um der Macht willen um die Macht kämpft", sagt Alfred L. Chan, der ein Buch über ihn geschrieben hat. "Ich würde sagen, dass er nach Macht als Instrument strebt, um seine Vision zu verwirklichen." Xi gehe es auch nicht um Geld, sagt Adrian Geiges, ein weiterer Biograf. "Er hat wirklich eine Vision von China, er will China zum mächtigsten Land der Welt machen."

Xi wuchs als Kind der Parteielite auf. Sein Vater Xi Zhongxun war ein Revolutionsheld und brachte es zum stellvertretenden Regierungschef. Seine Strenge gegenüber der Familie "grenzte ans Unmenschliche", schreibt Biograf Joseph Torigian. Während der Kulturrevolution fiel der Vater in Ungnade, die Familie verlor über Nacht ihren Status. Von da an sei er von seinen Mitschülern geächtet worden, erzählte Xi später.

Mit 15 Jahren wurde er aufs Land geschickt, wo er jahrelang Getreide schleppte und in einer Höhle schlief, die heute eine Touristenattraktion ist. Auch musste er an sogenannten Kampfsitzungen teilnehmen und seinen Vater denunzieren. Diese Erfahrungen seien der Grund für Xis Härte, sagt Biograf Chan.

Wegen Familiengeschichte mehrmals abgelehnt

Trotz der Demütigungen versuchte Xi hartnäckig, der Kommunistischen Partei beizutreten. Mehrmals wurde sein Antrag wegen seiner Familiengeschichte abgelehnt. Als er schließlich aufgenommen wurde, begann seine Karriere 1974 als Parteichef in einem Dorf. 1999 stieg er zum Gouverneur der Küstenprovinz Fujian auf, 2002 zum Parteichef der Provinz Zhejiang und 2007 schließlich zum Parteichef von Shanghai.

Xi habe sich systematisch nach oben gearbeitet, sagt Biograf Geiges. "Und er war sehr clever, indem er sich unauffällig verhielt." Xis Vater wurde in den späten 70er Jahren nach dem Tod Maos rehabilitiert, was dem Sohn zu höherem Ansehen verhalf. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete Xi 1987 die Sopranistin Peng Liyuan - ein Superstar in China. Peng war damals deutlich bekannter als ihr Mann.

"Xi leidet unter einem Minderwertigkeitskomplex", sagt Cai Xia, eine ehemalige ranghohe Parteifunktionärin, die in den USA im Exil lebt. "Er weiß, dass er im Vergleich zu anderen Spitzenpolitikern der Kommunistischen Partei Chinas schlecht ausgebildet ist." Infolgedessen sei er "dünnhäutig, stur und diktatorisch", schrieb Cai kürzlich in einem Artikel in der Zeitschrift "Foreign Affairs".

Kurs war nicht absehbar

2007 wurde Xi in den Ständigen Ausschuss des Politbüros berufen, das höchste Entscheidungsgremium der Partei. Als er fünf Jahre später die Nachfolge von Präsident Hu Jintao antrat, war der Kurs, den er einschlagen würde, nicht absehbar.

Xi ging gegen zivilgesellschaftliche Bewegungen, unabhängige Medien und akademische Freiheiten vor, ist für die mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen in der Region Xinjiang verantwortlich und verfolgt eine weitaus aggressivere Außenpolitik als sein Vorgänger.

Seine Biografen suchen in Xis früheren Schriften nach Gründen für diese Politik. "Der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Sozialismus in Osteuropa waren ein großer Schock für ihn", sagt Geiges. Xi führe ihn auf die politische Öffnung zurück. "Deshalb hat er beschlossen, dass das in China nicht passieren darf."(APA/AFP)