Als vor knapp zwei Jahren Feiernde im Wiener Bermudadreieck Ziel eines islamistisch motivierten Terroranschlags wurden, handelte es sich um das erste solche Attentat in Österreich. Mit derartigen Erfahrungen ist Israel seit langem konfrontiert. Boaz Ganor, führender Terrorismusexperte Israels, analysiert die Probleme bei der Bekämpfung von Extremismus.

"Wiener Zeitung": Vor kurzem startete der Terrorprozess gegen sechs Personen zum Anschlag in Wien. Ein Anhänger des "Islamischen Staates" tötete vier Menschen in der Innenstadt, bevor er erschossen wurde. Welche Muster lesen Sie aus dem Attentat heraus?

Boaz Ganor: Wie bei vielen anderen Anschlägen auch war der Täter ein sogenannter einsamer Wolf. Es handelt sich um eine Person, die im Regelfall online radikalisiert wird. Der Attentäter beschließt, sein Verbrechen im Namen einer Organisation durchzuführen - obwohl er niemals vom IS rekrutiert, ausgebildet oder organisatorisch unterstützt wurde. Der IS übernimmt dann aber gerne die Verantwortung für derartige Anschläge.

Dieses Phänomen des einsamen Wolfs bedeutet eine enorme Herausforderung für Terrorabwehr und Sicherheitsbehörden. Deren Erkenntnisse beruhen auf Nachrichten durch Agenten, dem Anzapfen von Handys und Computern. Der gemeinsame Nenner ist, dass Gespräche von mindestens zwei Personen abgefangen werden. Oftmals gibt es bei einsamen Wölfen aber keine derartigen Möglichkeiten, sie operieren völlig alleine.

Im Wiener Fall tauschte sich die Person mit anderen aus, und die heimischen Behörden wurden von den slowakischen Kollegen gewarnt, dass der Mann dort Munition kaufen wollte. Es gab nicht zu wenig an Daten, sondern es wurden wohl falsche Schlüsse aus ihnen gezogen. Wie können Dienste dieses Problem vermeiden?

Diese Art von Fehlern passieren immer wieder. Einer der prominentesten Fälle ist der Attentäter von Christchurch, der in zwei Moscheen 51 Menschen erschoss. Bei Österreich könnte hinzugekommen sein, dass es nicht wirklich auf eine derartige Terrorattacke eingestellt war. Die "Radarantennen" der Geheimdienste müssen jedoch sehr empfindlich sein. Österreich fehlte Erfahrung im Umgang mit Terror.

Sie haben in Wien über die "Kunst der Terrorismusbekämpfung" referiert. Worin besteht die Kunst?

Ich sehe fünf Herausforderungen für erfolgreiche Terrorismusbekämpfung: Erstens, wir müssen uns auf eine gemeinsame Definition einigen. Ich sehe Terrorismus als bewusste Gewaltanwendung nicht-staatlicher Akteure gegen zivile Ziele, um politische Zwecke zu erreichen, seien diese religiös oder ideologisch motiviert. Terrorismus ist also eine Taktik, und sie sollte immer verboten sein. Zweitens, wer sind die Täter?

Ich unterscheide zwischen dem einsamen Wolf und einer Gruppe, die aber auch keine Beziehungen zu einer Terrororganisation unterhält, sowie jenen, die Teil einer Organisation sind. Drittens, wir müssen die Rationalität der Terroristen verstehen. Die meisten von ihnen kalkulieren Kosten und Nutzen - abhängig von Bildung, Glauben und Geschichte. Was im Westen irrational wirkt, macht aus anderer Perspektive Sinn. Viertens, wir müssen den Spagat schaffen zwischen effektiver Terrorbekämpfung und dem Bewahren demokratischer Werte, vor allem der Privatsphäre. Fünftens, auch zwischen Widerstandsfähigkeit und Sensibilisierung muss ein Gleichgewicht bestehen.

Die Bürger müssen sich Gefahren bewusst sein, wenn sie mit verdächtigen Personen oder Gegenständen konfrontiert sind. Aber wenn sie überall Terroristen vermuten, wird es ihren Alltag einschränken. Das wollen Terroristen. Es geht nicht in erster Linie um das Töten von Menschen, sondern um die Verbreitung von Angst.

Ihr Heimatland Israel ist mit der Balance zwischen Widerstandsfähigkeit und Sensibilisierung seit Jahrzehnten konfrontiert. Können Sie das Problem an einem konkreten Beispiel festmachen?

Wenn Sie Ihre Tasche auf der Straße oder im Hotel vergessen, würde diese binnen Minuten als verdächtiges Objekt identifiziert. Jemand würde die Polizei und ein Entschärfungskommando rufen. In Wien würden wohl Tage vergehen, bis jemandem die Tasche auffällt.

In Israel zogen wir die Konsequenz, dass trotz Terror der Alltag weitergehen muss. In den 1990ern gab es eine Welle an Selbstmordattentaten. Ein Journalist fragte mich damals, was ich nun machen werde. Ich sagte, ich werde den Terror bekämpfen, indem ich wie jeden Donnerstag mit Freunden Basketball spiele. Ich bin zwar nicht in Stimmung wegen des Anschlags, aber ich will nicht, dass die Terroristen meine Gewohnheiten beeinflussen.

Was macht die ständige Terrorgefahr mit einer Gesellschaft?

Deswegen meine ich, sie müssen die richtige Mischung finden. Widerstandsfähigkeit bedeutet auch, dass Sie in einem Lokal einen Kaffee trinken und dabei nicht an Terror denken.

Wir unterhalten uns bei einem Kaffee im Herzen Wiens. Unweit finden die Verhandlungen zur Wiederbelebung des Atomabkommens mit dem Iran statt. Sie sagen, unabhängig von deren Ausgang sollen die USA eine militärische Allianz aufbauen, eine Nato 2.0. Was verstehen Sie darunter?

Das Regime im Iran ist sehr gefährlich. Mit der islamischen Revolution im Jahr 1979 ging auch der Wunsch einher, dieses Konzept zu exportieren. Im Jemen benutzt der Iran die Huthis im Wettstreit mit Saudi-Arabien, im Libanon wurde die Hisbollah gegründet und der Islamische Dschihad in Palästina ist ein Stellvertreter Teherans. Israel auszulöschen, ist nicht nur ein ideologisches Ziel des Iran, sondern auch ein operatives.

Daher das Streben nach Atomenergie, auch wenn der Iran behauptet, das sei lediglich für zivile Zwecke gedacht. Es geht aber darum, den Status als Atommacht für militärische Zwecke zu nutzen. Das kann verhindert werden, indem eine Allianz aus den USA, europäischen Staaten und Israel mit sunnitischen Ländern wie Saudi-Arabien, den Golfstaaten, Ägypten und Jordanien gebildet wird. Diese Allianz spannt einen nuklearen Schutzschirm für Irans Nachbarn auf, die dann nicht selbst nach Atomwaffen streben müssten. Gemeinsam könnten aber auch die iranischen Atomanlagen bombardiert werden.

Könnte Israel diese Aufgabe auch alleine stemmen?

Es müssten gleichzeitig mehrere Einrichtungen, auch im Untergrund getroffen werden. Alleine könnte Israel wohl nicht die Anlagen vollends zerstören. Abgesehen davon ist der Iran nicht nur ein Problem für Israel. Sobald der Iran die Bombe besitzt, wird er mit ihr drohen, um politische Ziele durchzusetzen - auf der ganzen Welt, im Besondern im Nahen Osten.

Bisher unterhalten nicht einmal die arabischen Staaten eine Militärkooperation, geschweige denn mit dem jahrzehntelangen Erzfeind Israel.

Im Nahen Osten ist in den vergangenen zehn Jahren viel passiert. Eine militärische Kooperation zwischen Golfstaaten und Israel ist keine Vision mehr aus einem Science-Fiction-Film. Sie ist nicht einfach umzusetzen, aber die Chancen werden größer. Was ich sage, steht aber nicht im Widerspruch zu einem neuen Atomabkommen mit dem Iran. Die Nato 2.0 wäre ein Druckmittel, damit der Iran seine Verpflichtungen einhält. Denn auf Vertrauen kann man nicht bauen.

Gibt es eine Beschränkung, etwa, dass sich Irans Machthunger auf Länder konzentriert, in denen Schiiten leben?

Der Glaube ist für den Iran nachrangig. Das Regime kooperiert sogar mit radikalen Sunniten. Zwei der vier Kandidaten für die Nachfolge von Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri pflegen enge Beziehungen zum Iran.

Zudem festigt der Iran seine Beziehungen zu Russland, liefert Waffen für den Krieg in der Ukraine.

Israel sieht mit großer Besorgnis, dass sich Russland in Abhängigkeit vom Iran begibt. Aber Israel kann trotz seines speziellen Verhältnisses zu Russland nichts daran ändern. Und es braucht Russlands stillschweigendes Einverständnis, dass Israel auch weiterhin in Syrien Stellungen des Iran oder von dessen Satelliten angreifen kann.

Sehen Sie Chancen für die jetzige Protestbewegung im Iran gegen das Regime?

Ich hoffe es zwar, aber diese Art von Regime ist nur sehr schwer zu bezwingen. Denn der Iran zögert nicht, seine eigenen Bürger zu ermorden. Sie würden auch zehntausende Menschen töten, um an der Macht zu bleiben.