Mit der Aussetzung des internationalen Abkommens zum Export von Getreide aus der Ukraine übers Schwarze Meer hat Russland neue Empörung auf sich gezogen. Westliche Regierungen appellierten am Sonntag an Präsident Wladimir Putin, die Verpflichtungen aus der im Sommer geschlossenen Übereinkunft einzuhalten. Die Ukraine und die USA warfen Moskau vor, Hunger als Waffe zu instrumentalisieren.

Die Vereinten Nationen sehen noch Hoffnung, das Abkommen zu retten. Ein UNO-Sprecher in New York sagte, man stehe mit Russland "in Kontakt". Das Abkommen soll Millionen Menschen weltweit Zugang zu Brot und anderer Nahrung sichern. EU-Außenbeauftragter Josep Borrell sprach am Sonntag mit UNO-Generalsekretär António Guterres. Es sei um die Koordinierung von Maßnahmen zur Gewährleistung der Getreide- und Düngemittelausfuhr aus der Ukraine gegangen. Die EU werde ihren Beitrag zur Bewältigung der globalen Nahrungsmittelkrise leisten.

Auch die Türkei setzt ihre Verhandlungen mit den zuständigen Akteuren fort, teilte das türkische Verteidigungsministerium am Sonntagabend mit. Die russischen Vertreter seien weiter im gemeinsamen Koordinierungszentrum in Istanbul. "Während dieser Zeit wird es keine Schiffsabfahrt aus der Ukraine geben", hieß es - welcher Zeitraum damit gemeint ist, war nicht eindeutig. Die Inspektion der vor Istanbul wartenden Schiffe solle am Sonntag und Montag fortgesetzt werden.

Weiterfahrt von 218 Frachtern blockiert

Nach Angaben des russischen Vizeaußenministers Andrej Rudenko erwartet Russland für die nächsten Tage Gespräche mit den Vereinten Nationen und der Türkei. Bevor aber an eine Rückkehr Russlands zu der Vereinbarung zu denken sei, müsse der Drohnenangriff auf die Schwarzmeerflotte aufgeklärt werden.

Nach ukrainischen Angaben ist wegen des russischen Ausstiegs aus dem Abkommen die Weiterfahrt von 218 Frachtschiffen blockiert. 22 Schiffe mit Agrargütern seien bereit zum Auslaufen aus ukrainischen Häfen, teilt das Infrastrukturministerium mit. 95 weitere Schiffe hätten die Häfen bereits verlassen und warteten auf die abschließende Freigabe zur Weiterfahrt zu ihren Zielen. 101 leere Schiffe warteten auf die Freigabe zum Einlaufen in ukrainische Häfen.

Russland hatte seine Zustimmung zu den Exporten am Samstag "auf unbestimmte Zeit" ausgesetzt. Moskau begründete dies mit ukrainischen Drohnenangriffen auf seine Schwarzmeerflotte auf der Halbinsel Krim, die Moskau seit 2014 völkerrechtswidrig annektiert hat. Den Angaben nach wurden bei dem Angriff in Sewastopol am Samstagmorgen das Minenräumboot "Iwan Golubez" und einige Hafenanlagen beschädigt. Videoaufnahmen, die angeblich den Angriff zeigen, legten aber nahe, dass noch mehr Schiffe getroffen worden sein könnten.

Bisher mehr als 8,6 Millionen Tonnen exportiert

Über die Aussetzung des Abkommens informierte Russland offiziell UNO-Generalsekretär Guterres. Wegen Drohnenangriffen auf russische Schiffe aus dem geschützten Korridor im Schwarzen Meer könne Russland "die Sicherheit von zivilen Schiffen, die im Rahmen der oben genannten Initiative reisen, nicht garantieren", schrieb der UNO-Botschafter Wassili Nebensja. Kiew hält dies für einen Vorwand.

Das im Juli unter Vermittlung der Türkei und der UNO vereinbarte Abkommen hatte die monatelange Blockade der ukrainischen Getreideausfuhren infolge des russischen Angriffskriegs beendet. Zum 24. Oktober registrierte das Koordinierungszentrum in Istanbul die Fahrt von 383 Schiffen mit mehr als 8,6 Millionen Tonnen Getreide und anderen Lebensmitteln. Nicht nur für die Ernährung in vielen anderen Ländern ist dies von Bedeutung - auch für den Haushalt der Ukraine. Aus den Milliardeneinnahmen sollten letztlich auch die ukrainischen Bauern wieder eine neue Saat ausbringen können.

Russland sieht eigene Exporte ausgebremst

Ursprünglich sollte das Abkommen am 19. November auslaufen - wäre aber, wenn keine Seite widersprochen hätte, automatisch verlängert werden. Moskau hatte das Abkommen zuletzt immer wieder kritisiert, weil es sich infolge der Sanktionen des Westens bei den eigenen Getreide- und Düngemittelexporten ausgebremst sieht.

Die EU forderte Moskau dringend dazu auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. Das verlangte auch das österreichische Außenministerium. Russland missbrauche erneut auf zynische Art und Weise Nahrungsmittel als Waffe, hieß es am Sonntag in einer Stellungnahme. Russland spiele erneut leichtfertig mit dem Leben und den Lebensgrundlagen von Millionen besonders verwundbarer Menschen. "Wir fordern Russland dringend auf, die getroffenen Vereinbarungen zu respektieren und seiner internationalen Verantwortung nachzukommen."

Auch US-Präsident Joe Biden warnte, dass das russische Vorgehen für noch mehr Hunger auf der Welt sorgen werde. Außenminister Antony Blinken erklärte: "Russland setzt Nahrungsmittel erneut als Waffe ein."

Drohende Destabilisierung in Afrika und Asien

Moskau verschärfe mit seinem Handeln den Hunger in Welt, sagte auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Schon seit September verzögere Russland die gemeinsamen Kontrollen von Schiffen vor der Durchfahrt durch den Bosporus. Dort steckten 176 Schiffen mit etwa zwei Millionen Tonnen Getreide im Stau. Am Sonntag fuhr erstmals seit Wiederaufnahme der Transporte im August kein einziges Schiff mehr ab.

Es gebe überhaupt keine Anhaltspunkte, dass die Explosionen auf der besetzen Krim am 29. Oktober Grund für Russlands Ausstieg aus dem Getreide-Abkommen seien, sagte der ukrainische Botschafter in Österreich, Wassyl Chymynez, in einer schriftlichen Erklärung gegenüber der APA. Die lange Warteschlange von Frachtschiffen zeige, dass der Kreml bereits im September den Entschluss gefasst habe, den ukrainischen Export zu blockieren. Der Diplomat warnte in diesem Zusammenhang vor einer drohenden sozialen und politischen Destabilisierung in zahlreichen Staaten in Afrika und Asien. Chymynez brachte gleichzeitig die Erwartung zum Ausdruck, dass Partner der Ukraine den Druck auf Russland erhöhten, um eine Wiederaufnahme des Getreide-Korridors zu ermöglichen. (apa, dpa, reu)