Die marmorgeflieste Lobby des Babylon Rotana und die gedämpften Stimmen der Gäste auf den Polstersesseln lassen die Hitze und den Lärm Bagdads vergessen. Das Babylon ist eine der besten Adressen in Iraks Hauptstadt. Ursprünglich sollte das mit seinen aufsteigenden Etagen an eine Zikkurat erinnernde Hotel an einem Strand in Montenegro stehen. Doch den Investoren missfiel das Design, also wurde das Hotel nicht an der Adria, sondern am Tigris erbaut, wo es 1982 eröffnete. Seit Juni arbeitet der 53-Jährige Nikolai Ehlers als Sicherheitschef im 5-Sterne-Hotel. Zum Kaffee empfiehlt er die Minitörtchen.

Ehlers Großvater wanderte nach dem Ersten Weltkrieg in den Iran aus. 1928 wurde er österreichischer Honorarkonsul in Teheran, wo Nikolai Ehlers 1969 geboren wurde. Als die iranische Revolution 1979 die Monarchie beendete, ging die Familie zurück nach Österreich.

Wildhüter, dann Bodyguard

Doch lange blieben sie nicht. 1980 beschloss Ehlers Vater, nach Simbabwe zu ziehen, wo sie eine Farm kauften. In dem südafrikanischen Land wurde ein Grundstein für seine spätere Karriere gelegt: Der junge Ehlers engagierte sich bei einem Projekt gegen Wilderer, mit dem Ziel, Nashörner und Elefanten in der Grenzregion zu Mosambik zu beschützen. Er erhielt eine militärische Grundausbildung und ein Sturmgewehr. Dann wurde er mit einer Patrouille losgeschickt, um Wilderer zu jagen. "Ich war damals 17, das hat mir getaugt", sagt er.

Doch die Gegner, mit denen sie es zu tun hatten, waren eine Nummer zu groß. "Wir hörten einen Schuss, und als wir hingehen, um nachzusehen, sehen wir einen Militärhubschrauber und Soldaten, die mit Motorsägen Hörner von toten Nashörnern schneiden." Gegen das Militär ließ sich nichts ausrichten. Generäle machten viel Geld damit, die Hörner nach China zu verkaufen, so Ehlers: "Wenn es um Potenz geht, ist nichts zu teuer."

Ende der 1980er Jahre verließ Ehlers Simbabwe, ging zunächst nach London und später nach Österreich, wo er seinen Grundwehrdienst leistete. Anschließend war er auf Auslandseinsätzen in Bosnien, Kosovo und Albanien. "Ich kam während dieser Zeit nur einmal nach Österreich, um mich scheiden zu lassen", sagt er. Irgendwann war es genug mit dem Militär, und er wechselte in die Sicherheitsbranche. Ab 2000 war Ehlers in Tansania für den Schutz der Chefanklägerin des Ruanda-Tribunals, Carla del Ponte, verantwortlich. Es folgten Sicherheits-Jobs in Abu Dhabi, Iran, Dubai und Irak. Im Frühjahr 2022 erhielt er das Angebot, Sicherheitschef im Babylon zu werden.

Gurkhas und Spürhunde

2010 und 2015 gab es im Babylon Bombenanschläge mit dutzenden Toten. "Damals existierte keine nennenswerte Security" sagt Ehlers. Doch seitdem habe sich vieles geändert. Das Babylon wurde mit Mauern und Wachtürmen befestigt, Außenkameras installiert und der gesamte Sicherheitsablauf überarbeitet. "Es gibt im Irak kein zweites Hotel, das so gut abgesichert ist", so Ehlers. Das wissen auch die Gäste. Das Hotel ist täglicher Treffpunkt für Minister und Botschafter, Hochzeiten werden hier gefeiert und internationale Konferenzen der WHO oder des IMF abgehalten.

Ehlers Sicherheitsteam mit der Hundestaffel ist über 80 Mann stark. Einige haben militärischen Hintergrund, wie die 33 Nepalesen, die als Gurkhas gedient hatten. Immer wieder testet Ehlers sein Personal, versucht eine Kugelschreiber-Pistole oder ein Messer ins Hotel zu schmuggeln. Ein anderes Mal bringt er eine Bombenattrappe mit wenigen Gramm Sprengstoff unter einem Auto an, um zu sehen, ob die belgischen Malinois es erschnüffeln. "Die Spürhunde schlagen bei drei bis fünf Gramm an", sagt Ehlers. Für eine Bombe mit entsprechender Wirkung brauche es mindestens ein Kilogramm Sprengstoff.

Trotzdem, absolute Sicherheit gibt es nicht. Spezialisten mit entsprechender Ausrüstung schaffen es immer, ein Sicherheitssystem zu umgehen, so Ehlers: "Wenn jemand eine Drohne hier reinfliegen lässt, wie sie es bei Qasem Suleimani gemacht haben, was will ich tun?" Doch die Abwehr möglicher Anschläge ist nur ein Aspekt seiner Arbeit. Oft geht es einfach nur darum, die Richtlinien des Hotels durchzusetzen. Unlängst verweigerten die Sicherheitsleute einem offensichtlich Betrunkenen den Zugang, erzählt Ehlers. Doch der Mann fühlt sich beleidigt und kontaktiert seine Sippschaft, um sein Recht einzufordern. "Er telefoniert und auf einmal stehen zehn Autos draußen und eine Menge aufgeregter Leute wollen wissen, warum er keinen Zugang erhält." Situationen wie diese gebe es oft, so Ehlers: "Aber natürlich haben auch wir eine Menge Leute hier, darunter auch Beamte der Staatssicherheit." Auch der Besitzer des Hotels sei in Wirtschaft und Politik gut vernetzt. Auf diese Weise können die Hotelregeln durchgesetzt werden.

"Wien ist nicht so meines"

Ehlers, der neben Deutsch und Farsi auch Swahili, Niederländisch und einige Worte Arabisch und Kurdisch spricht, verlässt auch in seiner Freizeit das Hotel nicht. "Ich bin Tag und Nacht im Dienst und will anwesend sein, wenn etwas passiert", sagt er. Jeden Morgen geht er ins Fitness-Studio, mittags isst er mit seinem Team in der Kantine. Unter Leuten fühlt er sich wohl: "Ich schau mir die Menschen unheimlich gerne an", sagt er und lässt seinen Blick über die Gäste schweifen: "Manche sind super reich, andere super schön, wieder andere religiös oder unheimlich anlassig." Es mache ihm Spaß, den Charakter eines Menschen zu ergründen: "Manche kommen mit grimmigen Gesichtsausdruck daher, aber für einen kurzen Moment fällt die Maske und man sieht ein unsicheres Kind."

Wenn er sich ein paar Tage frei nimmt, verbringt er diese mit seiner Freundin in Erbil. In seinem Haus hat er eine syrische Familie untergebracht. "Vor allem die Tochter habe ich in mein Herz geschlossen", sagt er. Zurück ins zerstörte Syrien können sie nicht und im Irak gebe es für den Mann nur die schlecht bezahlten Jobs. "Wenn mir jemand einen Rat geben kann, wie ich der Familie helfen kann, in den Westen zu kommen, wäre ich dankbar", sagt er. Für die Pension kann sich der Vater eines erwachsenen Sohnes gut vorstellen, nach Österreich zurückzukehren. "Die Steiermark hat mir immer gefallen", so Ehlers. "Wien ist nicht so meines, zu wienerisch."