Bei neuen Raketentests hat Nordkorea offenbar auch eine mutmaßliche atomwaffenfähige Rakete mit Tausenden Kilometern Reichweite abgefeuert. Nordkorea habe am Donnerstag auf den Tag verteilt sechs ballistische Raketen in Richtung offenes Meer abgeschossen, von denen die erste offenbar eine Interkontinentalrakete (ICBM) gewesen sei, teilte der südkoreanische Generalstab mit. Die ICBM könnte bei dem Test abgestürzt sein.

Nun soll sich der UN-Sicherheitsrat am Freitag in einer Dringlichkeitssitzung mit der Lage auf der koreanischen Halbinsel befassen. Die USA, Frankreich, Großbritannien, Irland, Norwegen und Albanien beantragten am Donnerstag ein Treffen des mächtigsten UN-Gremiums, wie die deutsche Presse-Agentur aus Diplomatenkreisen erfuhr. Die genaue Uhrzeit blieb zunächst unklar.

Der Generalstab bestätigte zunächst nicht Berichte südkoreanischer Medien, wonach es nach der Startphase zu Problemen bei der mutmaßlichen ICBM kam und der Test letztlich fehlschlug. Die Regierung in Tokio bestätigte nach anfänglicher Verwirrung wegen der Flugroute, dass die Rakete über dem Japanischen Meer vom Radar verschwand.

Unklarheit gab es in Südkorea zunächst auch bei der Bestimmung des Raketentyps. Nach erster Einschätzung des Büros für nationale Sicherheit des Präsidialamts könnte es sich auch um eine sogenannte Mittelstreckenrakete größerer Reichweite (IRMB) handeln, berichtete der Sender KBS. Laut dem Militär flog die Rakete nach dem Start am Morgen in der Region um Pjöngjang in einer Höhe von bis zu 1.920 Kilometern etwa 760 Kilometer weit.

Beide Typen sind Trägermittel für atomare Gefechtsköpfe, deren Erprobung der selbsterklärten Atommacht Nordkorea durch UN-Resolutionen untersagt ist. Zu ICBM zählen dabei Raketen mit einer Reichweite von mindestens 5.500 Kilometern.

Durch den jüngsten Test verschärft sich die Eskalationsspirale auf der koreanischen Halbinsel. Während Nordkorea unablässig Raketentests ausführt, nahmen Südkorea und die USA in diesem Jahr ihre gemeinsamen Militärmanöver wieder in vollem Umfang auf. Seit Beginn des Jahres gab es bereits mehr als 50 nordkoreanische Raketentests - allein am Mittwoch erfasste Südkoreas Militär mehr als 20 Raketentests durch den Nachbarn. Als Folge unternahm Südkorea eigene Waffentests.

Diesmal reagierten die verbündeten Streitkräfte Südkoreas und der USA mit der Ankündigung, ihre laufenden Luftwaffenübungen "Vigilant Storm" zu verlängern, die eigentlich am Freitag enden sollten. Details würden später genannt, teilte Südkoreas Militär mit. Die Entscheidung sei "in Verbindung mit den jüngsten Provokationen durch Nordkorea" getroffen worden.

Die USA warfen Nordkorea nach dem Test am Donnerstag eine "klare Verletzung mehrere Resolutionen des US-Sicherheitsrats" vor. Japans Ministerpräsident Fumio Kishida kritisierte Nordkoreas Raketentests "als barbarisches Verhalten und total inakzeptabel".

Verwirrung in Japan

Außer der mutmaßlichen ICBM feuerte Nordkorea den Angaben zufolge am Morgen auch zwei Kurzstreckenraketen in Richtung Japanisches Meer ab. Das Militär ging nach Berichten südkoreanischer Sender davon aus, dass diesmal die größte nordkoreanische ICBM vom Typ Hwasong-17 getestet werden sollte, die auch US-Festland erreichen könnte.

In Japan sorgte der Raketentest für Verwirrung. Die Regierung hatte anfängliche Angaben korrigiert, wonach die erste Rakete über Japan hinweggeflogen sei. Die Bewohner in einigen nordöstlichen und zentraljapanischen Präfekturen waren zuvor aufgerufen worden, zur Sicherheit in ihren Häusern zu bleiben. Verteidigungsminister Yasukazu Hamada erklärte, warum sie vom Radar verschwunden sei, werde noch untersucht.

Am späten Abend (Ortszeit) wurde laut dem südkoreanischen Militär der Abschuss von drei weiteren nordkoreanischen Kurzstreckenraketen erfasst. Nordkorea hatte zuvor die Ankündigung Südkoreas über die Luftwaffenmanöver als "sehr gefährliche und falsche Wahl" kritisiert.

Nordkorea treibt seit Jahren die Entwicklung von atomwaffenfähigen Raketen voran. Die Entwicklung strategischer Raketen mit großen Reichweiten richtet sich dabei besonders gegen die USA, denen Pjöngjang eine feindselige Politik vorwirft. Die jüngsten Raketentests wurden in Seoul auch als Reaktion auf die Luftwaffenübungen in Südkorea gesehen. Das Ziel Pjöngjangs ist es, durch die Zusammenführung von Nuklear- und Raketentechnik eine vollwertige Atommacht zu sein und von den USA als solche anerkannt zu werden. (apa/dpa)