Im Norden Syriens sind mindestens zehn Menschen bei Bombardierungen getötet worden. Rund 70 weitere Menschen seien bei Artilleriebeschuss durch syrische Regierungstruppen verletzt worden, teilten die in London ansässige oppositionsnahe Syrische "Beobachtungsstelle für Menschenrechte" und die Rettungsorganisation Weißhelme am Sonntag übereinstimmend mit. Dabei soll auch international geächtete Streumunition eingesetzt worden sein.

Die Angriffe trafen demnach mehrere Flüchtlingscamps in der Region Idlib. Russische Kampfflugzeuge sollen ebenfalls Stellungen bombardiert haben. Details dazu gab es jedoch zunächst keine. Insgesamt seien mehr als 30 Raketen an verschiedenen Orten westlich der Stadt Idlib explodiert.

Mit Streumunition werden viele kleinere Sprengsätze bezeichnet, die in Behältern aus Flugzeugen und Raketenwerfern abgeschossen werden. Sie werden wahllos und großflächig verteilt und explodieren. Viele landen auch als Blindgänger in Böden und töten oder verletzen Menschen noch Jahre später. Die allermeisten Opfer sind Zivilisten.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachtete vor Ort zerstörte und ausgebrannte Zelte, Blutflecken und Raketentrümmer. Opfer wurden in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht, wo der AFP-Reporter auch die Leichen zweier Mädchen sah.

Als sie die Einschläge hörten, hätten sie sich gerade für die Arbeit fertiggemacht, sagte Camp-Bewohner Abu Hamid der AFP. "Die Kinder hatten Angst und fingen an, zu schreien."

"Es waren nicht nur eine Rakete oder zwei, sondern ein Dutzend", sagte er weiter. "Die Splitter flogen aus allen Richtungen. Wir wussten nicht, wie wir uns schützen sollten."

Etwa eineinhalb Millionen Vertriebene in Idlib

Rund drei Millionen Menschen leben in der Provinz Idlib - etwa die Hälfte von ihnen sind Vertriebene. Die Region ist nach mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg das letzte große Rebellengebiet des Landes. Russland und die Türkei haben sich als Schutzmächte der syrischen Regierung beziehungsweise der Opposition auf eine Waffenruhe für das lange umkämpfte Gebiet geeinigt. Seitdem geht die Gewalt zwar zurück. Dennoch kommt es immer wieder zu Angriffen, bei denen häufig auch Zivilisten getötet werden.

Die letzte Bastion des bewaffneten Widerstands gegen Machthaber Bashar al-Assad umfasst große Teile der Provinz Idlib und Teile der benachbarten Provinzen Aleppo, Hama und Latakia. Die Jihadistengruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS) ist in der Gegend die vorherrschende Gruppierung, aber auch andere Aufständische sind hier aktiv.

Wie die Beobachtungsstelle mitteilte, folgt der Raketenangriff auf den Tod von fünf Mitgliedern der syrischen Streitkräfte bei einem Beschuss am Vortag durch eine mit der HTS verbundenen Gruppe.

Trotz vereinzelter Zusammenstöße hat ein von Russland und der Türkei verhandelter Waffenstillstand in dieser Region weitgehend gehalten. Die Türkei unterstützt gegen Assad kämpfende Rebellen.

Syrien und Russland sind seit Jahrzehnten miteinander verbündet. Die Verbindung zwischen beiden Staaten ist aber besonders eng, seit Moskau im Jahr 2015 an der Seite Assads militärisch in den Krieg in Syrien eingegriffen hatte. In der Folge hatte sich das Blatt zugunsten des Machthabers gewendet, dessen Truppen eine ganze Reihe von Gebieten zurückerobern konnten.

Der Konflikt in Syrien hatte im Frühling 2011 mit Protesten gegen die Regierung von Machthaber Assad begonnen. Die Regierung ging mit Gewalt dagegen vor. Die Anhänger des Staatschefs kontrollieren mittlerweile wieder rund zwei Drittel des Landes. Eine politische Lösung für den Konflikt ist nicht in Sicht. (apa/dpa/afp)