Was sie von den jüngsten Klimaprotesten hält, wird Klimaschutzministerin Leonore Gewessler bei ihrer Pressekonferenz vor der Abreise zur Klimakonferenz in Sharm-El-Sheikh gefragt. Die Ministerin überlegt nicht lange, diese Frage war zu erwarten: Gewessler spricht von den deutlichen Worten des UN-Generalsekretärs der Vereinten Nationen, sie verweist auf die Dringlichkeit des Problems. "Aber es geht auch darum, die Menschen nicht zu verlieren", sagt Gewessler, die von 2014 bis 2019 Geschäftsführerin der Umweltorganisation Global 2000 war und dort mit einem breiten Spektrum von Protestformen auf Umweltanliegen aufmerksam gemacht hat.

Damit ist das Dilemma der Klimaretter gut umrissen: UN-Generalsekretär Antonio Guterres, der Weltklimarat, die Klimaforscher-Community - sie alle sind sich einig, dass die Menschheit viel zu geringe Klimaschutz-Anstrengungen unternimmt. Dennoch: Manchmal scheint es, als sei der Zorn auf Klimaaktivisten größer als auf die Klimasünder, die das Ökosystem der Erde an den Rand des Kollapses bringen, das musste erst diese Woche eine junge Klimaaktivistin in der Talkshow von Markus Lanz im deutschen Fernsehen erleben.

Biden warnt vor "Klimahölle"

Dass Coca-Cola einer der Hauptsponsoren der Klimakonferenz in Sharm-El-Sheikh ist, hat Umweltaktivisten zudem aufgebracht. Die Umweltschützer der Environmental Justice Foundation schrieben auf Twitter: "Coca-Colas Plastik-Verschmutzung zieht sich an Stränden entlang, bedeckt das Meer und erstickt einzigartige Wildnis. Sie haben keinen Platz auf der COP27." Es sei Zeit, "Verschmutzer" von den Klimaverhandlungen auszuschließen, auch über die Anwesenheit von zahlreichen Lobbyisten für die Kohle-, Öl- und Gasindustrie bei der Klimakonferenz regt sich Unmut.

Wichtige Player reisen erst gar nicht nach Ägypten: So wird weder Chinas Präsident Xi Jinping noch Russlands Präsident Wladimir Putin in Sharm-El-Sheikh anwesend sein. US-Präsident Joe Biden sprach am Freitag vor dem Konferenzplenum und warnte, dass durch die fortschreitende Klimakrise das "Leben des Planeten" in Gefahr sei. Die USA wollten ihren "Teil tun, um die Klimahölle abzuwenden".

Die Stimmung bei den Klimaschützern ist jedenfalls aufgeheizt - denn die CO2-Emissionen bleiben trotz der drastischen Warnungen vor einer nahenden Klimakatastrophe auf Rekordniveau. Es gebe "keine Anzeichen für einen Rückgang", teilte ein Forscherteam am Donnerstag mit, das den Forschungsbericht "Global Carbon Budget 2022" (GCB) verfasst hat. Die Gesamtemissionen dürften sich demnach in diesem Jahr auf 40,6 Milliarden Tonnen belaufen und liegen so nur knapp unter dem Rekordjahr 2019.

Sollten die CO2-Emissionen in den kommenden Jahren weiterhin so hoch bleiben, wird die Menge an CO2, die für eine 50-prozentige Chance zum Einhalten des 1,5-Grad-Ziels noch ausgestoßen werden darf, laut dem Bericht in neun Jahren verbraucht sein. Das Ziel sieht vor, die globale Erwärmung bis ins Jahr 2100 auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen.

EU minus 55 Prozent CO2 bis 2030

"Wir sehen einige positive Entwicklungen, aber bei Weitem nicht die tiefgreifenden Maßnahmen, die jetzt eingeleitet sein müssten, um die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu halten", wird Julia Pongratz von der Ludwig-Maximilians-Universität München, Mitautorin des Berichts, in einer Uni-Mitteilung zitiert.

Die österreichische Klimaschutzministerin Gewessler verweist darauf, dass Europa bereits 2020 ein Klimaneutralitätsziel für 2050 und ein verbindliches Klimaschutzgesetz mit einer Emissionsreduktion von mindestens minus 55 Prozent bis 2030 vorgelegt hat. Gewessler verweist auf das Klimaticket, auf die Transformationsoffensive für die Industrie oder das Erneuerbaren-Wärme-Gesetz: "COP27 findet in einer Zeit statt, in der wir mit multiplen Krisen konfrontiert sind. Gerade deshalb müssen wir noch näher zusammenrücken - und dürfen nicht zulassen, dass die Energiekrise den Blick auf die größte Herausforderung unserer Zeit verstellt."

In Sharm-El-Sheikh, so Gewessler, komme es nun auf die Balance zwischen Klimaschutz - also "mitigation" - und der Klimawandel-Anpassung - also "adaptation" - sowie "loss and damage", also den Verlusten und Schäden, die durch die Klimakrise verursacht werden, an. Die Diskussion über die finanzielle Abgeltung von Klimaschäden wird bei der diesjährigen Klimakonferenz COP27 (Conference of Parties) besonders im Fokus stehen. Österreich wird dafür in den nächsten Jahren 50 Millionen Euro zur Verfügung stellen, heißt es aus dem Klimaschutzministerium.