Unter vielen republikanischen Parteigranden hat sich die Überzeugung breitgemacht, dass Donald Trump ein Sieger von gestern ist. Nachdem bei den Midterms die von dem Ex-Präsidenten ins Rennen geschickten Kandidaten der Reihe nach verloren haben, zerbricht man sich in der "Grand Old Party" jetzt den Kopf, wie man die schwergewichtige Kämpfernatur wieder loswerden könnte.

Das umso mehr, als jetzt bekannt wurde, dass die Demokraten auch die Gouverneurswahl in Arizona gewonnen haben. Katie Hobbs siegte gegen die republikanische Rechtsaußen-Kandidatin Kari Lake, die von Trump unterstützt wird und die der Legende anhängt, Trump habe die Präsidentenwahl gewonnen. Am Dienstag meinte Trump auf altbewährte Weise, dass man Lake die Wahl gestohlen habe: "Wow! Sie haben Kari Lake die Wahl genommen. Es ist sehr schlecht da draußen", so Trump via "Truth Social".

Vorwurf der Feigheit

Trumps parteiinterne Gegner werden mit jedem Tag zahlreicher, doch eines wissen sie alle sehr genau: Man darf den Immobilien-Tycoon nicht unterschätzen, deshalb ist Vorsicht geboten. Jetzt allerdings hat sich niemand Geringerer als Trumps ehemaliger Vizepräsident Mike Pence aus der Deckung gewagt. Er erwäge eine Kandidatur für das Weiße Haus, so Pence, auch wenn er gegen seinen einstigen Weggefährten antreten müsse. Pence hat am 6. Jänner 2021, als ein Mob den Kongress stürmte, mit Trump gebrochen. Der damalige Präsident hatte behauptet, dass es Pence in der Hand habe, Wahlergebnisse aus den einzelnen Bundesstaaten einfach abzulehnen.

Während des Angriffs twitterte Trump dann, Pence habe "nicht den Mut gehabt, das zu tun, was getan werden sollte". In der Menge waren Aufrufe zu hören, Pence zu hängen. Trumps Vize wurde damals von Leibwächtern zu seiner Fahrzeugkolonne gebracht, weigerte sich aber, die Laderampe des Kapitols zu verlassen. Er habe mit der demokratischen Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, zusammengearbeitet, um Einheiten zum Schutz des Kapitols zu organisieren, so Pence. Er verglich die Situation mit der Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001: "In diesem Moment gab es keine Republikaner oder Demokraten, sondern nur Amerikaner." Am Dienstag stellte Pence zudem sein Buch "So wahr mir Gott helfe" vor, in dem er sich mit den dramatischen Ereignissen des Jänner 2021 beschäftigt.

Nach den Enttäuschungen bei den Kongress- und Gouverneurswahlen ist in den Reihen der Republikaner jedenfalls ein heftig geführter Kampf um Posten und Macht ausgebrochen. Donald Trump hat innerparteilich massive Konkurrenz in Person von Ron DeSantis, Gouverneur von Florida, bekommen. DeSantis teilt die politischen Ansichten Trumps in vielen Breichen, versteht es aber, die politische Klinge eleganter zu führen.

"Habe es satt, zu verlieren"

Fraglich ist auch, ob der maßgebliche republikanische Senator Lindsey Graham Trump im Hinblick auf eine Kandidatur 2024 weiter unterstützen wird. Auf eine entsprechende Frage wollte er zuletzt nicht antworten. Er werde sich nach der Stichwahl zum Senat in Georgia entscheiden, so Graham. Larry Logan, der scheidende republikanische Gouverneur von Maryland, übte sich weit weniger in Zurückhaltung. "Trump hat uns die letzten drei Wahlen gekostet, und ich will nicht, dass das ein viertes Mal passiert", so Logan. Und: "Ich habe es satt, zu verlieren - das ist alles, was er getan hat."

Die weiterhin starke Pro-Trump-Fraktion kontert mit gewohnt radikalen Phrasen. Immer wieder ist hier auch zu hören, dass die herkömmliche republikanische Partei "tot" sei und man im Begriff wäre, "etwas Neues" aufzubauen.

Die sich abzeichnende sehr knappe Mehrheit der Republikaner im Repräsentantenhaus könnte den Weg des bisherigen republikanischen Minderheitsführers Kevin McCarthy auf den Chefposten mühsam werden lassen. McCarthy würde die bisherige Nummer 1, die Demokratin Nancy Pelosi, ablösen, doch könnten die innerparteilichen Zwistigkeiten das im Extremfall sogar verhindern. McCarthy muss Stimmen sowohl gemäßigter Republikaner als auch rechter Anhänger von Ex-Präsident Donald Trump bekommen.

Über den Vorsitz des Repräsentantenhauses wird in einer Abstimmung der gesamten Kammer entschieden. McCarthy muss zunächst die Nominierung der Republikaner gewinnen. Am Montag kündigte ein Abgeordneter aus dem rechten Flügel der Republikaner, Andy Biggs, in einem Interview des TV-Senders Newsmax an, er wolle gegen McCarthy antreten. Einflussreiche Trump-Getreue wie Marjorie Taylor Greene und Jim Jordan sprachen sich dagegen für McCarthy aus.

Knapper Sieg in Sicht

Eine Patt-Situation bei den Republikanern könnte ungewöhnliche Folgen haben. So sagte der republikanische Abgeordnete Don Bacon dem Sender NBC, er wäre dann bereit, mit den Demokraten zusammenzuarbeiten, um einen moderaten Republikaner zum Vorsitzenden der Kammer zu wählen. Der Posten ist die Nummer drei in der politischen Rangfolge nach dem Präsidenten- und dem Vizepräsidentenamt.

Das endgültige Resultat bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus lässt unterdessen auf sich warten, mittlerweile gilt ein knapper Sieg der Republikaner als so gut wie sicher. Laut "New York Times" kommen die Republikaner auf 221 der 218 benötigten Sitze. In einigen Wahlbezirken hätten sie zuletzt Vorsprünge ausbauen können. Da teilweise jedoch nur wenige tausend Stimmen zwischen Demokraten und Republikanern liegen, könnte es allerdings nach wie vor zu Überraschungen kommen.(red.)