Pervez Ali wurde im Jahr 2010 zum Klimaflüchtling. Von Ende Juli bis Anfang September wurden weite Teile Pakistans damals von schweren Überschwemmungen überflutet, nach offiziellen Angaben kamen damals 1.738 Menschen ums Leben, 1.781.018 Häuser wurden beschädigt. Zwölf Jahre später hält Pervez Ali ein Mikrofon in der Hand und spricht am Länderpavillon Pakistans bei der Weltklimakonferenz COP27 in Sharm-El-Sheikh zu den Teilnehmern. Pervez Ali ist Klimaaktivist bei Fridays for Future Pakistan und er sagt, dass diesmal alles noch viel schlimmer ist. Mindestens acht Millionen Klimaflüchtlinge, 1.700 Tote (nach offiziellen Angaben), Ali befürchtet aber, dass die Zahlen deutlich nach oben korrigiert werden müssen, wenn erst das gesamte Ausmaß der Katastrophe dokumentiert ist. Neun Prozent des Landes wurden überflutet, das ist eine Fläche von rund 75.000 Quadratkilometern, also Österreich minus Salzburg. Die Schäden belaufen sich auf rund 30 Milliarden Dollar.

Länder wie Pakistan, Bangladesch, Indien müssen immer extremere Überschwemmungen befürchten, Karibikinseln, mittelamerikanische Länder müssen sich auf immer extremere Wirbelstürme einstellen und viele Länder Afrikas müssen mit immer schlimmeren Dürreperioden rechnen. Doch wie sollen diese Länder unterstützt werden?

Allein in Pakistan gebe es rund acht Millionen Klimaflüchtlinge, berichtet ein Aktivist bei der Klimakonferenz. - © reuters / Soomro
Allein in Pakistan gebe es rund acht Millionen Klimaflüchtlinge, berichtet ein Aktivist bei der Klimakonferenz. - © reuters / Soomro

Klimaschutzministerin Leonore Gewessler traf am Mittwoch ihre Amtskollegin aus Pakistan, Sherry Rehman, zu einem bilateralen Gespräch. "Die verheerenden Überschwemmungen in Pakistan sind die Folgen der Klimakrise in ihrer schlimmsten Form. Das Land fordert zu Recht mehr Unterstützung durch die Industrieländer. Meine pakistanische Amtskollegin Sherry Rehman und ich sind uns einig: Die internationale Staatengemeinschaft muss bei dieser Weltklimakonferenz Fortschritte im Bereich der internationalen Klimafinanzierung erzielen", sagte Gewessler.

Bei der Klimakonferenz in Sharm el Sheikh wird noch bis zum Wochenende weiterverhandelt. 
- © Thomas Seifert

Bei der Klimakonferenz in Sharm el Sheikh wird noch bis zum Wochenende weiterverhandelt.

- © Thomas Seifert

50 Millionen Euro bereitgestellt

Schon vor ihrer Abreise nach Ägypten verwies Gewessler darauf, dass Österreich als eines der ersten Länder der Welt Hilfen für Klimaschäden ("Loss and Damage") zugesagt hat. In den kommenden vier Jahren sollen dafür 50 Millionen Euro bereitgestellt werden. Klimaforscher schätzen allerdings, dass besonders gefährdete Länder bis zum Jahr 2030 pro Jahr mit bis zu 580 Milliarden Dollar Schäden jährlich zu rechnen haben könnten. "Die Perspektive jener Länder, die am meisten betroffen sind, ist zentral. Denn nur, wenn wir ihre Anliegen berücksichtigen, können wir die Klimakrise gemeinsam lösen", sagt Gewessler.

"Loss and Damage" ist bei der Klimakonferenz COP27 (Conference of Parties) wohl der neue Modebegriff. Bei den COP-Treffen der vergangenen Jahre waren "Mitigation" - also die Abmilderung von Klimafolgen - und "Adaptation" - also die Anpassung an Klimafolgen - die meistverwendeten Schlagworte. Bei der COP in Sharm-El-Sheikh geht es nun darum, das Konzept des Klimaschadensersatzes im Klimadiskurs stärker zu verankern.

Aber es sind viele Fragen offen: Wer soll in diesen Topf, aus dem die Klimaschäden bezahlt werden, einzahlen? Welchen Beitrag sollen dabei die Kohleförderländer oder Erdöl- und Erdgasproduzierenden Staaten leisten? Oder sollen vor allem jene Länder einzahlen, die besonders von der kohlenstoffbasierten Industrialisierung profitiert haben - also die USA, Europa, Australien und Japan? Und wie soll das Geld verteilt und ausgeschüttet werden?

Interessen prallen hart aufeinander

Was bei der Klimakonferenz auffällt: Es sind immer mehr Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaftsvertreter sind dabei. Stefan Gross-Selbeck vom Beratungsunternehmen Boston Consulting begleitet Unternehmen auf ihrem Weg in Richtung "NetZero" - wieder so ein Begriff aus dem Klimasprech, der bedeutet, dass Unternehmen sich verpflichten wollen, keine zusätzlichen klimaschädlichen Gase in die Atmosphäre zu blasen. "Ein Drittel der Technologien, um dorthin zu gelangen, haben wir bereits."

Am Gelände der Klimakonferenz prallen die Interessen hart aufeinander. Im Konferenzzentrum haben die erdölproduzierenden Staaten wie Saudi-Arabien oder Katar genauso ihre Pavillons wie die kleinen Inselstaaten, die vom steigenden Meeresspiegel von der Auslöschung bedroht sind. Die Ölproduzenten glauben, eine Lösung für die Klimakrise zu haben: Sie wollen Kohlendioxid einfach wieder in die Erde pumpen. Doch wie soll das in großem Maßstab gehen?