Die Millionenstadt Goma im Osten des Kongo ist erneut heiß umkämpft. "Sturm auf Goma!" verkünden die Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) auf Twitter. Dann schlagen sie tatsächlich erneut los. Das weckt Erinnerungen.  

Es ist nun genau zehn Jahre her, dass die strategisch wichtige Provinzhauptstadt im Ostkongo, direkt an der Genze zum Nachbarland Ruanda, von den Tutsi-Rebellen der M23 erobert wurde. Damals, am 20. November 2012, fiel die Millionenstadt quasi fast kampflos. Die Armee hatte sich zurück gezogen.


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Pünktlich zum Jahrestag droht sich das Szenario nun zu wiederholen. Im Juni haben die Kämpfer unter der Führung von Ex-Armeegeneral Sultani Makenga die handelswichtige Grenzstadt Bunagana hoch oben in dern Bergen erobert, rund 100 Kilometer nördlich von Goma. Seitdem nahmen sie immer mehr Ortschaften im Dreiländereck zu Ruanda und Uganda ein, auch Teile des Virunga Nationalparks mit seinen vom Aussterben bedrohten Berggorillas.

Vergangene Woche schlugen die gut bewaffneten Kämpfer im Ort Kibumba auf, rund 25 Kilometer nördlich vo Goma - eine strategische Position, wo der Regenwald aufhört und die Savanne anfängt. Von hier aus hat die M23 vor zehn Jahren Goma im Handstreich eingenommen und Kongos Armee in die Knie gezwungen. Die Regierung musste letztlich mit der M23 verhandeln.

Schon damals hatten UN-Ermittler und westliche Geheimdienstler Beweise zusammengetragen, dass Ruandas gut trainierte Armee der M23 heimlich hilft: mit Rekruten, Munition und der Versorgung von Verwundeten. Auch dieses Mal sprechen die Beweise dafür, so die UN-Ermittler in einem geheimen Bericht vom Juli. Kongos schlecht ausgestattete und ausgebildete Armee kann diesen Kampftruppen fast nichts entgegenstellen. 

Kongos Armee bildet nun im Schnellverfahren Freiwillige aus, um so zu mehr Schlagkraft zu kommen. 
- © AFP / Guerchom Ndebo

Kongos Armee bildet nun im Schnellverfahren Freiwillige aus, um so zu mehr Schlagkraft zu kommen.

- © AFP / Guerchom Ndebo

Die Erinnerung an die zehntätige Besetzung durch die M23-Kämpfer ist bei den Einwohnern von Goma noch immer präsent. Damals herrschte Unsicherheit und Chaos, es kam zu Plünderungen. Als zu Beginn der Woche Artilleriefeuer in den Vororten von Goma zu hören war, brach Panik aus. In den vergangenen Monaten sind über 140.000 Menschen aus den umkämpften Ortschaften mit ihren Habseligkeiten in Richtung Goma geflohen. In Kanyaruchinya, einem nördlichen Vorort am Fuße des aktiven Vulkans, haben sich abertausende Familien rund um eine große Schule mit Fußballplatz niedergelassen, sich dort Zelte aus Planen und Eucalyptuszweigen gebaut – eine desaströse Lage.

Jetzt müssen sie erneut fliehen. Als die M23 in den vergangenen Tagen auf Goma vorrückt, rafften Frauen und Kinder ihre Sachen zusammen und rennen in Richtung Stadt. Handy-Videos, die auf twitter online gestellt wurden, zeigen die Massenpanik. Die Frontlinie zwischen Regierungsarmee und M23 verläuft nur rund 10 Kilometer nördlich und die Rebellen rücken immer weiter vor. Sie versuchen derzeit eine wichtige militärische Position zu erobern: einen erloschenen kleinen Vulkankrater mit drei Telefonmasten auf dessen Spitze. Von dieser Anhöhe in der Savanne aus kann man die Millionenstadt bis zum See überblicken – und auch bombardieren. Von hier aus hat die M23 vor genau zehn Jahren den Sturm auf die Großstadt gestartet.

"Goma und weitere Gebiete zu besetzen ist nicht unser Ziel", erklärt M23-Präsident Bertrand Bisimwa der "Wiener Zeitung" am Telefon. Das eigentliche Ziel seiner Bewegung sei es, mit der Regierung zu verhandeln. Bereits vor zehn Jahren hatte es Gespräche gegeben. Damals verlangte die M23, dass die Armee reformiert wird und ihre Kämpfer darin integriert werden. Sie wollten als politische Partei anerkannt werden und dafür sorgen, dass ihre Familien, die seit Jahrzehnten in den Flüchtlingslagern in den Nachbarländern leben, nach Hause zurückkehren können. Die meisten Tutsi-Familien sind nach 1994 geflohen, kurz nachdem in Ruanda der Völkermord an den Tutsi zu Ende gegangen war, eien neue Regierung die Macht übernahm und die Hutu-Täter sich in den Kongo gerettet hatten, um auch dort die Tutsi-Minderheit zu verfolgen und zu ermorden.

"Unsere Forderungen wurden damals nicht erfüllt", klagt Bisimwa. Deswegen würde die M23 heute wieder kämpfen. "Bis heute verlangen wir, dass unsere Verwandten zurückkommen können." Doch unter der derzeitigen Regierung seien die Hassreden und Pogromstimmung gegen die Tutsi-Minderheit sogar noch schlimmer geworden, sagt Bisimwa. Erst vor wenigen Tagen verhaftete Kongos Polizei den traditionellen Tutsi-König in Goma.

Der politische Führer der M23 hat sich in der Grenzstadt Bunagana einquartiert. Die Kleinstadt am Schlagbaum nach Uganda mit rund 30.000 Einwohnern bietet der Rebellenführung Schutz vor der Luftbombardierung durch Kampfhubschrauber. Es sei nun der entscheidende Moment, sagt Bisimwa, an welchem sich die Zukunft der ganzen Region entscheiden könne.

Kenia vermittelt

Unterdessen ist Kenias Expräsident Uhuru Kenyatta in Goma eingetroffen. Er ist von den Staatschefs der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC), deren Mitglied Kongo seit April ist, zum Vermittler ernannt worden. Am Montag hat er in Kongos Hauptstadt Kinshasa Präsident Felix Tshisekedi getroffen. Sie hatten Einiges zu besprechen: Diese Woche sollte in Kenias Hauptstadt eine große Gesprächsrunde stattfinden. Zahlreiche kongolesische Milizen und Rebellengruppen sollten unter Mediation von Kenyatta mit ihrer Regierung verhandeln, auch die M23. Kongos Regierung weigert sich jedoch strikt, sich mit der M23 zusammen zu setzen. Sie nennt die Tutsi-Bewegung "Terroristen", die es militärisch zu zerschlagen gilt.

Ein Zeltlager von Vertriebenen. 
- © AFP / Alexis Huguet

Ein Zeltlager von Vertriebenen.

- © AFP / Alexis Huguet

"Lasst uns den Krieg beenden und dann reden wir", fordert Kenyatta die Konfliktparteien auf.  "Wir können keinen Dialog führen und danach erst die Feindseligkeiten einstellen." Kenias Regierung hat Spezialeinheiten nach Goma geschickt. Sie sind Teil des gemeinsamen Militärplans der EAC-Mitgliedsstaaten, den Ostkongo zu befrieden. Laut dem Einsatzplan sollen die kenianischen Soldaten eine Pufferzone entlang der Frontlinie zwischen Kongos Armee und der M23 einrichten, um einen Waffenstillstand zu garantieren, während die Kriegsparteien in Kenias Hauptstadt verhandeln. Die Gespräche, die bereits im April ergebnislos zu Ende gingen, wurden nun auf nächste Woche vertagt. Kongos Regierungsarmee hofft eher darauf, dass die Kenianer ihnen helfen werden, die M23 militärisch zu besiegen.

Unterdessen bemüht sich US-Außenminister Antony Blinken im indonesischen Bali um Vermittlungen. Er traf dort am Rande des G20-Gipfels Ruandas Außenminister Vincent Biruta. UN-Ermittler haben im Juli Luftaufnahmen, die sie mit UN-Drohnen gefilmt haben, veröffentlicht, die beweisen, dass Ruanda die M23 militärisch unterstützt. "Ich habe die tiefe Besorgnis der Vereinigten Staaten über die anhaltende Gewalt im Osten der Demokratischen Republik Kongo unterstrichen", so Blinken auf Twitter. Er habe Ruanda aufgefordert, "aktive Schritte zur Erleichterung der Deeskalation zu unternehmen." Ruanda streitet alle Vorwürfe vehement ab.