Langsam macht sich bei der Klimakonferenz in Sharm-El-Sheikh Ungeduld breit. "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite, lasst uns jetzt zusammenkommen und bis Freitag Ergebnisse liefern", schrieb Sameh Schukri, der Präsident der Klimakonferenz und ägyptische Außenminister, in einem Schreiben an die Delegierten in Sharm-El-Sheikh. "Es fehlt an Dringlichkeit in den Verhandlungen", urteilt Thomas Zehentner von der Umweltschutzorganisation WWF Österreich. "Sharm-El Sheikh ist mehr eine Verwaltungskonferenz, ich vermisse Aufbruchsstimmung." Freilich: Die Energiekrise wirft einen Schatten auf diese Klimakonferenz, die geopolitische Lage trägt nicht gerade dazu bei, dass in Ägypten Kooperationsgeist herrscht.

"Die Berichte des Weltklimarates verpuffen, in Sharm-El-Sheikh wird Fortschritt im Verhandlungsprozess mit Fortschritt beim Klimaschutz verwechselt. Wir scheinen auf zwei Planeten zu Leben: Da ist unser Planet, der von der Erderhitzung bedroht ist, und dann ist da der Verhandlungsplanet am Sinai, in dem es um Workshops, Fahrpläne, Arbeitsprogramme und Kompromiss-Landezonen geht. Diese zwei Planeten existieren in zwei parallelen Universen", sagt WWF-Experte Zehentner.

Wie wird Erfolg definiert

Immerhin legte die Präsidentschaft der COP27 (Conference of Parties) am Donnerstag einen ersten Entwurf des Abschlussdokuments vor. Diplomaten sprechen von einem "Non-Paper", also einem nicht offiziellen Papier, dem Gerüst einer Abschlusserklärung, in dem sich die Wünsche der Länderdelegationen wiederfinden. Man kann davon ausgehen, dass Konferenzpräsident Shukri darauf hofft, dass das Abschlusspapier als "Klimamanifest von Sharm-El-Sheikh" bekannt wird. Doch in allen Punkten, die bei dieser Klimakonferenz verhandelt werden, sind die Verhandlungsparteien noch weit auseinander.

Durch die immer häufiger werdenden Extrem-Wetter-Ereignisse ist klar geworden, dass die Welt viel intensiver als bisher über eine mögliche Anpassung ("Adaptation and Mitigation") an den Klimawandel nachdenken muss. Doch wie definiert man Erfolg in diesem Bereich?

Die Senkung der Treibhausgasemissionen auf ein Niveau, das garantiert, dass der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf maximal 1,5 Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industriellen Revolution begrenzt bleibt, ist in weiter Ferne. Dazu müssten die Emissionen klimaschädlicher Gase bis zum Jahr 2030 halbiert werden - was derzeit kaum als realistisch erscheint. Der Punkt Verluste und Schäden ("Loss and Damage") ist weiter heftig umstritten: Dabei geht es darum, ob die Industrieländer, die für den Klimawandel hauptverantwortlich sind, für die Verluste und Schäden der Klimakrise aufkommen müssen. Dieser Punkt ist den G77, einem Zusammenschluss von mittlerweile 134 Schwellen- und Entwicklungsländern, besonders wichtig. Doch zu den G77 zählen auch Länder wie der weltgrößte Treibhausgasemittent China, Kohleproduzenten wie Indonesien oder Öl- und Gas-Supermächte wie Saudi Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar. Und China, das in der CO2-Gesamtbilanz seit Beginn des Industriezeitalters auf Platz zwei hinter den USA liegt, ist auch das einflussreichste Land dieser Gruppe.

EU zeigt sich diskussionsbereit

Die EU ist grundsätzlich bereit, Mittel für Klimaschäden für die am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder bereitzustellen. Das betont auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock im Pavillon der deutschen Delegation. "Die Klimakrise trifft die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, am allerhärtesten. Das ist eine weltweite Ungerechtigkeit", sagte Baerbock.

Aber über das Wie herrscht Uneinigkeit: Viele Entwicklungsländer wollen einen neuen Fonds, die Industrienationen sind aber gegen die Schaffung eines neuen Finanzierungsinstituts, sondern möchten die Mittel über die vorhandenen Bretton-Woods-Institutionen wie Weltbank und Währungsfonds ausschütten.

Auch Baerbock wirkt am Donnerstag unzufrieden mit den bisher erzielten Verhandlungsergebnissen. "Noch nie waren ambitionierte Ergebnisse auf einer Klimakonferenz so schwierig wie in diesen Tagen, noch nie war eine Klimakonferenz so wichtig wie in diesem Jahr", sagt die deutsche Außenministerin. Österreichs Vertreterin bei der COP27, Umweltministerin Leonore Gewessler, zeigt sich bei einem Gespräch mit Journalisten ebenfalls enttäuscht: "Die 20 Seiten, die jetzt am Tisch liegen, machen in vielen Bereichen mehr Kontroversen auf, als dass sie Gräben zuschütten." Vor einem Jahr in Glasgow sei man am Donnerstag bereits viel weiter gewesen. "So wie der Text jetzt da steht, ist es sicher kein akzeptables Ergebnis", sagt Gewessler.