Die rund 200 Staaten der UN-Klimakonferenz haben am frühen Sonntag auf der COP27 ein hart erkämpftes Abkommen verabschiedet, das den Plan enthält, den viel geforderten "Loss and Damage"-Fonds einzurichten, um armen Ländern zu helfen, die von Klimakatastrophen heimgesucht werden. Die Bemühungen zur Bekämpfung der Emissionen, die sie verursachen, wurden aber nicht verstärkt und viele strittige Punkte auf 2023 verschoben.

In ihrer Abschlusserklärung bekräftigten die Teilnehmer am frühen Sonntagmorgen außerdem ihre frühere Entscheidung, schrittweise aus der Kohle auszusteigen. Ein Abschied von Öl und Gas wird aber nicht erwähnt. Damit bleibt die Erklärung hinter den Forderungen vieler Staaten, Klimaaktivisten und Umweltschützern zurück.

"Das war nicht einfach. Wir haben rund um die Uhr gearbeitet", sagte COP-Präsident Sameh Shoukry Sonntag früh zum Ende der Konferenz. "Jegliche Ausrutscher, die es gegeben haben mag, waren nicht beabsichtigt." Die Gespräche der Vertreter aus rund 200 Ländern seien teilweise angespannt gewesen, aber "am Ende haben wir geliefert", sagte Shoukry. Die Einigung auf einen neuen Geldtopf für die Folgen von Klimaschäden in ärmeren Ländern gebe Millionen Betroffenen rund um die Welt Hoffnung.

Der neue Entschädigungsfonds soll unabwendbare Folgen der Erderhitzung abfedern - etwa immer häufigere Dürren, Überschwemmungen und Stürme, aber auch der steigende Meeresspiegel und Wüstenbildung. Die Frage um "Loss and Damage" hatte sich als größter Streitpunkt durch die zweiwöchige Konferenz in Sharm el-Sheikh gezogen, die um mehr als 36 Stunden verlängert wurde.

Regelung fehlt, wer zahlt und wieviel

In dem Beschluss werden weder Summen für den neuen Fonds genannt, noch Details dazu, wer genau einzahlen soll. Dies soll auf der COP28 nächstes Jahr in Dubai geklärt werden. Begünstigt werden sollen Entwicklungsländer, die besonders gefährdet sind. Auf diese Eingrenzung hatte besonders die EU gepocht.

In der Abschlusserklärung werden die Staaten außerdem aufgefordert, ihre größtenteils unzulänglichen Klimaschutzpläne bis spätestens zur nächsten Klimakonferenz nachzubessern. Diese findet Ende 2023 in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt. Die Nachbesserungen bleiben freiwillig, eine Verpflichtung gibt es nicht.

Die Konferenz, zu der etwa 34.000 Teilnehmer ans Rote Meer gereist sind, war am Freitagabend in die Verlängerung gegangen. In der Nacht auf Samstag war nach schleppenden und teils chaotischen Abläufen in Verhandlungskreisen Beunruhigung ausgebrochen. Nach zähen Beratungen folgte am frühen Sonntagmorgen schließlich der Durchbruch.

USA: Haftung ausgeschlossen

Die USA hatten den neuen Entschädigungsfonds zunächst blockiert, während die als G77 bekannte Gruppe aus mehr als 130 Entwicklungsländern zusammen mit China Druck aufbaute. Die Europäische Union schwenkte nach anfänglicher Zurückhaltung schließlich um. Die USA lässt aber ausrichten, dass beim neu geschaffenen Klima-Fonds eine juristische Haftung oder Entschädigung ausgeschlossen seien. Der Fonds werde sich darum drehen, was jetzt zur Unterstützung getan werden könne, teilte ein Sprecher des US-Außenministeriums am Sonntag mit. Der US-Klimabeauftragte John Kerry begrüßte die Einrichtung des neuen Fonds zur Frage, wie die Welt die besonders verletzlichen Länder unterstützen könne.

Umstritten bei dem Thema ist unter anderem die Rolle Chinas. Das Land, das beim Ausstoß klimaschädlicher Emissionen den ersten Platz belegt, will im internationalen Klimaschutz weiter als Entwicklungsland behandelt werden. Westliche Staaten wollen das Land wegen seiner Wirtschaftskraft und der Rolle als größter Verursacher von Treibhausgasen aber nicht länger als Empfängerland einstufen. Chinas Unterhändler Xie Zhenhua sagte, Entwicklungsländer sollten das Geld erhalten, räumte "verletzlichen Staaten" aber Vorrang ein.

Gewessler: "Enttäuschend"

"Das Ergebnis der Weltklimakonferenz ist enttäuschend. Denn wir sind bei der Reduzierung von Emissionen im Vergleich zu Glasgow im vergangenen Jahr keinen wesentlichen Schritt vorangekommen. Dabei bräuchte es gerade in diesem Bereich wesentlich mehr Entschlossenheit und Tempo. Denn Klimaschutz ist zu einer Überlebensfrage geworden", sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) in einem Statement gegenüber der APA.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der am Samstag positiv auf das Coronavirus getestet worden war, nannte die Einigung auf der COP27 "ernüchternd": "Es ist nicht gelungen, sich auf ambitioniertere Ziele im Bereich der Emissionsreduktionen zu einigen. Die Welt ist nicht auf dem richtigen Kurs", lautete die Einschätzung des Staatsoberhaupts auf Twitter. Den geplanten Fonds zur Entschädigung von Klimaschäden lobte er hingegen, dies sei "historisch und ein wichtiger Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit".

Die EU habe sich dazu entschlossen, dem Abschlussdokument der COP27 zuzustimmen, weil es im zweiten zentralen Thema dieser Cop Fortschritte gibt: im Bereich "Loss and Damage" also der Finanzierung von Verlusten und Schäden. "Hier konnten wir uns auf die dringend notwendige Unterstützung für besonders von der Klimakrise betroffene vulnerable Staaten einigen. Dieser Beschluss ist ein wichtiges, dringendes und nötiges Signal der globalen Solidarität", sagte Gewessler.

Guterres: "Zentrale Ziele verfehlt"

UN-Generalsekretär António Guterres warf der UN-Klimakonferenz vor, zentrale Ziele verfehlt zu haben. Es sei dort nicht gelungen, die "drastischen Emissionssenkungen" auf den Weg zu bringen, die notwendig seien, um die Erderwärmung einzudämmen, sagte Guterres am Sonntagmorgen in Sharm el-Scheikh. "Unser Planet ist in der Notaufnahme", unterstrich der UN-Generalsekretär die Dramatik der Lage. "Wir müssen die Emissionen drastisch verringern und dies anzugehen hat die Klimakonferenz versäumt."

Von der Leyen enttäuscht

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich unzufrieden über das Ergebnis der Weltklimakonferenz in Ägypten geäußert. "Auf der COP27 wurde am 1,5-Grad-Ziel festgehalten. Leider haben sich jedoch weder die größten Emittenten der Welt dazu verpflichtet, fossile Brennstoffe schrittweise abzubauen, noch wurden neue Verpflichtungen zum Klimaschutz eingegangen", sagte sie.

Auch EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans übte scharfe Kritik an der nach harten Verhandlungen erzielten Vereinbarung der Weltklimakonferenz in Ägypten. "Dies ist das entscheidende Jahrzehnt, aber was uns vorliegt, ist kein ausreichender Schritt nach vorne für die Menschen und den Planeten", sagte Timmermans am Sonntag, der auch EU-Klimakommissar ist, in Sharm el-Scheikh. Die Vereinbarung nimmt nach seiner Auffassung große Emittenten nicht in die Pflicht, zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen, um den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase stärker und schneller zu reduzieren.

"Weg zur Klimahölle vorprogrammiert"

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace blickte in einer Reaktion mit gemischten Gefühlen auf die Klimakonferenz in Sharm el-Sheikh: "Mit dem aktuellen Ergebnis ist der Weg Richtung Klimahölle vorprogrammiert, denn ein Ende von Öl und Gas ist nicht in Sicht. Damit rückt jedoch auch das 1,5-Grad-Ziel in weite Ferne. Ein Erfolg ist trotzdem zu verzeichnen: Es konnte ein Finanztopf für klimabedingte Schäden und Verluste etabliert werden", hieß es in einer Aussendung.

Eine Einschätzung der Allianz für Klimagerechtigkeit kam zu einem ähnlichen Schluss. "Anstelle von ziellosen Prozessen braucht es ambitioniertes Handeln bei Emissionsminderungen, Anpassungsrichtlinien, Geschlechtergerechtigkeit und Klimafinanzierung", hieß es in einer Aussendung. Für Global 2000 blieb die Klimakonferenz "ohne Fahrplan aus der Klimakrise", die Welt nehme daher Kurs auf katastrophale Klimafolgen, laut WWF hat hier "die Welt das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels aufgegeben". (apa)