"Wir haben hier noch Arbeit vor uns." Mit diesen Worten machte der Chef des Pharmaunternehmens Eli Lilly, David Ricks, eine Ankündigung, die hohe Wellen schlug. Schließlich stellte Ricks nach einer sich immer weiter aufschaukelnden Debatte erstmals die Senkung der horrenden Preise für das Diabetes-Medikament Insulin in den Raum.

Ausgelöst wurde die Insulin-Diskussion durch das Chaos, das derzeit bei Twitter herrscht. Der Kurznachrichtendienst befindet sich nachdem er von Milliardär Elon Musk - viele sagen in einer Impulshandlung - vergangenes Monat um sagenhafte 44 Milliarden Dollar gekauft worden war in einer prekären Situation. Eine von Musks ersten Handlungen war, die "blauen Hakerl", die Twitter-User als vertrauenswürdig verifizieren, kostenpflichtig zu machen. Um acht Dollar pro Monat sollte jede Person ein solches "blaues Hakerl" erwerben können. "Die Macht dem Volk", twitterte Elon Musk stolz.

Daraufhin füllte sich das Netz mit Fake-Accounts, die - mit blauen Verifizierungszeichen ausgestattet - für viel Spott, aber auch Verwirrung sorgten. Am 10. November postete ein unbekannter Nutzer unter dem verifizierten Account "@EliLillyandCo": "Wir freuen uns, mitteilen zu können, dass Insulin ab sofort gratis ist." Die weiteren Entwicklungen zeigten, was solche Fake-Posts alles auslösen können.

Musk sorgt bei Twitter für Verwirrung. 
- © Reuters / Dado Ruvic

Musk sorgt bei Twitter für Verwirrung.

- © Reuters / Dado Ruvic

Die Aufregung war nämlich groß in der Chefetage von Eli Lilly, einem der drei Hauptanbieter von Insulinarzneien in den USA. Die Unternehmensspitze war in Panik, Manager versuchten verzweifelt, jemanden bei Twitter zu erreichen. Alle waren besorgt, dass die Reputation des Pharmagiganten großen Schaden erleiden könnte. So beschrieben anonyme Informanten der "Washington Post" die ersten Stunden eines veritablen PR-Desasters. Das Unternehmen entschuldigte sich später unter seinem eigentlichen Account "für die Missverständnisse", die durch den Fake-Tweet entstanden seien.

Insulin ist die Cash-Cow der Pharmaunternehmen

Diese "Missverständnisse" auf Twitter trafen auf die immer wieder aufflammende Diskussion über die Preisgestaltung von Pharma-Unternehmen in den USA im Allgemeinen - und bezogen auf den Wirkstoff Insulin im Besonderen.

In Ländern mit allgemeiner Krankenversicherung werden Medikamentenpreise in der Regel dadurch beschränkt, dass Versicherungen die Preise mit den Pharmaunternehmen direkt verhandeln. In den USA ist das bis dato nicht der Fall. Da es auch keine gesetzlichen Preisgrenzen gibt, kann diese mächtige Industrie hier beinahe völlig frei Medikamentenpreise festlegen. Und die Patienten müssen oft hohe Selbstbehalte bezahlen, auch wenn sie privat versichert sind.

Die US-Regierung unter Präsident Joe Biden begegnete diesem Problem zuletzt mit der im Inflation Reduction Act enthaltenen Erlaubnis für die staatliche Versicherung Medicare, Medikamentenkosten mit den Pharmakonzernen direkt zu verhandeln. Insulin ist davon allerdings ausgenommen.

Das ist kein Wunder, denn Insulin gilt in den USA als Cash Cow unter den verschreibungspflichtigen Medikamenten. Rund acht Millionen US-Amerikaner sind auf Insulin angewiesen. Als Diabetiker sind aber mehr als 38 Millionen Bürger diagnostiziert, weshalb es also auch noch jede Menge potenzielle Patienten gibt. Das Geschäft mit Insulin ist für Unternehmen wie Eli Lilly so lukrativ, dass sie es durch großzügige Wahlkampfkostenfinanzierung insbesondere von republikanischen, aber auch von demokratischen Kandidaten absichern.

Anfang dieses Jahres konnte zwar - und das war mit Hinblick auf die Kongresswahl ein wichtiger Beschluss für die Demokraten - Regelung getroffen werden, dass vom staatlichen Leistungsprogramm Medicaid abgedeckte Senioren nicht mehr als 35 Dollar monatlich für Insulin bezahlen müssen. Allerdings geschieht dies nicht auf Kosten der Hersteller und des Vertriebs, sondern wird durch öffentliche Gelder finanziert. Privatversicherte oder die immerhin 23 Millionen US-Bürger ohne Versicherungsschutz müssen weiter selbst die von Industrie und Handel festgelegten Preise bezahlen.

Und diese Preise sind enorm: Der Listenpreis von Insulin und Insulinprodukten liegt seit Jahren um etwa das Zehnfache über dem OECD-Durchschnitt. 2018 kostete laut einer Studie des RAND-Instituts eine Standardeinheit Insulin in den USA 98,70 Dollar. Dieselbe Menge kostete in Österreich umgerechnet 7,92 Dollar. Gleichzeitig sind die Herstellungskosten von Insulin relativ gering. Die in den USA verlangten Listenpreise übersteigen die Herstellungskosten um das bis zu 45-fache.

Millionen Amerikaner könne sich kein Insulin leisten

Laut einer Studie der Cambridge Heath Alliance vom Oktober 2022 müssen dennoch 1,3 Millionen Amerikaner das von ihnen benötigte und ihnen verschriebene Insulin aus Kostengründen rationieren, das sind mehr als 15 Prozent der auf Insulin angewiesenen Erwachsenen in den USA. Mitunter hat das fatale Folgen. In den US-Medien gehören Berichte über vermeidbare Todesfälle wegen rationierter Medikation zum Alltag.

So berichtete die Mutter des verstorbenen Typ-1-Diabetikers Alec Smithold dem Fernsehsender CBS News, dass ihr 26-jähriger Sohn trotz Krankenversicherung seines Arbeitgebers die 1.200 Dollar monatlichen Selbstbehalt für Insulin nicht mehr aufbringen konnte, weshalb er die Dosis rationiert und das Produkt gewechselt habe, was ihm letztlich das Leben kostete. Die Verzweiflung vieler Betroffener lässt sich auch daran ablesen, dass die private Spendenaufrufplattform GoFundMe.com im Jänner dieses Jahres 12.776 Kampagnen mit "Insulin" im Namen auflistete.

Eli Lilly wollte den Fake-Tweet über die Gratisabgabe von Insulin sofort löschen lassen. Das dauerte aufgrund der durch Massenkündigungen ausgedünnten Personaldecke von Twitter stundenlang.

Die Reaktionen auf diese Ankündigung teilten sich in zwei Gruppen und hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Die Twitteröffentlichkeit reagierte euphorisiert. Der Tweet wurde millionenfach gesehen, tausendfach geteilt und hundertfach retweetet. Tenor waren Erleichterung, Freude und Anerkennung. Ganz anders reagierten die Anleger des Unternehmens. Der Börsenkurs von Eli Lilly machte einen deutlichen Knick. Auf Eli Lillys Entschuldigung und Klarstellung des Fake-Charakters der Ankündigung folgte ein entrüsteter Ansturm von Retweets.

Eigene Fakten-Checker korrigieren Elon Musk

Zuletzt mündete die Diskussion in einen Schlagabtausch zwischen dem linken Senator aus Vermont, Bernie Sanders, und Musk selbst. Sanders tweetete: "Eines ist klar: Eli Lilly sollte sich dafür entschuldigen, den Preis für Insulin seit 1996 über 1200 prozent auf 275 Dollar angehoben zu haben, obwohl es weniger als 10 Dollar kostet, die Menge zu produzieren. Die Erfinder des Insulins haben 1923 das Patent um 1 Dollar verkauft, um Leben zu retten, nicht um Eli Lillys CEO unanständig reich zu machen."

Nachdem dieser Tweet eine halbe Million Likes erhalten hatte, twitterte Musk, die Entwicklung der Insulinpreise sei komplizierter als von Sanders dargestellt und stellte eigene Kostenrechnungen auf. Er wurde daraufhin von seinen eigenen Fakten-Checkern bei Twitter öffentlich korrigiert. Doch auch dieser Beistand Musks hielt Eli Lilly nicht davon ab, anzukündigen, die Werbeverträge mit Twitter und die Twitterpräsenz des Unternehmens international ruhend zu stellen.

Ob Eli Lilly tatsächlich seine Ankündigung wahr macht, die Preise von Insulin ohne gesetzliche Verpflichtung nach unten zu korrigieren, wird davon abhängen, ob der Druck der Öffentlichkeit oder jener der Shareholder in den nächsten Wochen und Monaten überwiegen wird. Elon Musk hat seine Politik der bezahlten blauen Hakerl inzwischen einstweilen auf Eis gelegt. Sein erklärtes Ziel: "Die Macht dem Volk", wurde für seinen Geschmack möglicherweise doch zu ernst genommen.