Etwa 50 Kilometer vor Sinjar ist die Reise zu Ende. "Sie dürfen hier nicht weiter", stellt sich ein robuster Soldat in Uniform der irakischen Armee der Reporterin in den Weg. Hinter ihm steht ein kleinerer, rundlicher Mann in zivil und nickt: "Befehl aus Bagdad", sagt er wichtig, "Ausländer dürfen nicht nach Sinjar, es ist zu gefährlich".

Geheimdienst und Armee kontrollieren hier gemeinsam den Checkpoint auf der Hauptstraße von der Kurdenmetropole Erbil in den äußersten Nordwesten Iraks. Der Fahrer meint, Raketendonner im Hintergrund zu hören. Die Jesidenstadt Sinjar wird angegriffen. Wir kehren um und fahren auf direktem Weg nach Mossul. Dort erfahren wir, dass ein Luftangriff der türkischen Armee auf Stellungen der kurdischen PKK und deren syrischer Tochter YPG in vollem Gange sei. Türkische Raketen fallen auf Nordsyrien, Aleppo, Rakka und Hasakah, auf die Grenzregion zum Irak im Süden der Türkei, auf die Qandil-Berge im Osten der irakisch-kurdischen Autonomieprovinz Suleimanija und auf Sinjar im Westen Iraks, Richtung syrischer Grenze.

Operation "Klauenschwert"

Die Operation "Klauenschwert" hat begonnen. Das amerikanische Generalkonsulat in Erbil verschickt seit Tagen schon Warnungen an seine Landsleute, den Nordirak zu meiden oder von dort abzureisen.

Auf dem Weg zur Fußballweltmeisterschaft in Qatar kündigt der türkische Präsident Racep Tayyeb Erdogan an, er werde auch vor der Entsendung von Bodentruppen nicht zurückschrecken. Es sei "Abrechnungszeit", verkündet das türkische Verteidigungsministerium in Ankara.

Die Luftangriffe folgen nur wenige Tage nach der Bombenexplosion in Istanbul, für die Ankara die YPG und die PKK verantwortlich macht. Die Ermittlungen laufen, bisher wurden insgesamt 50 Personen verhaftet. Die beiden Kurdenorganisationen, die Erdogan als Terroristen bezeichnet, streiten eine Beteiligung ab und unterstellen der Türkei, mit der Anschuldigung einen Vorwand für einen Militäreinsatz in Nordsyrien geschaffen zu haben.

Diesen Vorwand braucht die Türkei für den Irak nicht. Türkische Soldaten stehen schon lange auf irakischem Territorium. Im Norden an der Grenze zur Türkei, in Zakho und 30 Kilometer vor Mossul, in Bashika. Schätzungen gehen von 3.000 türkischen Soldaten aus, stationiert in Zeiten des Kalifats mit dem Argument gegen die Terrormiliz IS kämpfen zu wollen, um türkisch stämmige Turkmenen zu beschützen.

Tatsächlich aber, so berichten es Anwohner, gelte die Anwesenheit der türkischen Armee den von ihnen verhassten kurdischen Gruppen, die Unterschlupf in Irak-Kurdistan gefunden haben. Die PKK unterhält Stellungen in den Qandil-Bergen im Osten und in Machmur, südlich von Erbil, die YPG in Sinjar.

Auch der Iran rechnet gerade mit den Kurden ab, mit seinen Kurden. Zeitgleich mit der türkischen Armee, feuert Teheran zum wiederholten Male Raketen und Drohnen auf Stützpunkte der iranisch-kurdischen Oppositionsgruppen im Nordirak.

Iranische Eliteeinheit

Sie werden von einem Stützpunkt der iranischen Revolutionsgarden, der Hamza Sayyid al-Shuhada Militärbasis, im kurdischen Teil Irans auf den Nachbarn Irak abgeschossen. Die Eliteeinheit der iranischen Streitkräfte, die direkt dem obersten Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, untersteht, spricht in einer Erklärung von "separatistischen anti-iranischen Terrorgruppen", die derzeit angegriffen werden und in den irakisch-kurdischen Provinzen Erbil und Suleimanija Unterschlupf gefunden hätten.

Der Bürgermeister der Stadt Koya, in der Provinz Erbil, sagt dem kurdischen Fernsehsender Rudaw, dass nicht nur das Büro der Kurdischen Demokratischen Partei Irans das Angriffsziel sei, sondern auch ein Camp, das Geflüchtete aus den iranisch-kurdischen Gebieten beherbergt.

Seit dem Ausbruch der Demonstrationen im Nachbarland lässt Teheran immer wieder Stellungen der insgesamt drei iranisch-kurdischen Oppositionsparteien, die sich im Irak befinden, angreifen. Die Ajatollahs werfen den Exilgruppen im Nordirak vor, die landesweiten Proteste gegen die Regierung und das islamische Herrschaftssystem im Iran zu schüren.

Irakisch-kurdische Organisationen unterstützen die seit dem Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini Mitte September anhaltenden Proteste im Iran und prangern die massive Gewalt gegen Protestierende an. Beobachter in Erbil sind sich uneinig, ob die Unterstützung über die Gewährung von Unterschlupf für die iranischen Kurden hinausgeht oder ob auch Waffen und technische Geräte für den Widerstand über die Grenze geschmuggelt werden.

Prekäre Lage

Die Kurden im Irak befinden sich in einer prekären Situation und werden von allen Seiten von ihren mächtigen Nachbarn angegriffen. Ihre Sicherheitskräfte sind zwar von unzähligen internationalen Militärberatern für den Anti-Terror-Kampf gegen den IS ausgebildet worden, der bis 2017 im Nordirak sein Unwesen trieb und immer noch Schläferzellen dort unterhält, aber gegen konventionelle Armeen wie die türkische oder iranische sind die Peschmerga machtlos. Nun wird der Ruf nach der irakischen Armee, die eingreifen soll, lauter. Doch die neue Regierung in Bagdad hat bislang nicht auf die Angriffe weder aus der Türkei, noch aus dem Iran reagiert.

Der Grund dafür ist offensichtlich: Stets haben die Kurden im Nordirak auf ihre Autonomie gepocht und sich auch nicht in außenpolitische Belange reinreden lassen. Die beiden alles dominierenden Familien, Barzani im Westen, Talabani im Osten der kurdischen Autonomiegebiete, haben unterschiedliche Bindungen. Die Barzanis sind mit der Türkei, die Talabanis mit dem Iran verbunden. Wie stark ihre politischen Verflechtungen sind, darüber schwieg man sich lange aus. Dass die langjährigen "Freundschaften" nun auf dem Prüfstand stehen, angesichts der Zerstörungen, die die Angriffe in Irak-Kurdistan verursachen, versteht sich von selbst. Wer hätte jemals gedacht, dass Bagdad einmal sicherer sein werde, als Erbil?