Neu-Delhi. Indien will den Vorsitz in der G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer nutzen, um die Globalisierung neu zu gestalten. Gemeinsam müsse die Weltgemeinschaft an einem Paradigmenwechsel arbeiten und dabei den Menschen in den Mittelpunkt stellen, sagte Premierminister Narendra Modi am Donnerstag zum Start der G20-Präsidentschaft Indiens.

Zu den G20 gehören die Europäische Union und die stärksten Volkswirtschaften aller Kontinente: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, die Türkei und die USA. Die Gruppe erwirtschaftet nach eigenen Angaben mehr als 80 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts, 75 Prozent des weltweiten Handels und macht rund 60 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Der Vorsitzwechsel - von Indonesien nach Indien - erfolge in einer Zeit, in der die Welt mit geopolitischen Spannungen, wirtschaftlicher Abschwächung, steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen sowie langzeitigen schädlichen Wirkungen der Corona-Pandemie ringe, befand Modi. "In einer solchen Zeit schaut die Welt zu den G20 für Hoffnung", meinte er. "Eine Erde, eine Familie, eine Zukunft", lautet daher das Motto der Präsidentschaft. So beschwört Modi Einheit bei den "größten Herausforderungen", zu denen er neben der Pandemie den Klimawandel und den Terrorismus zählt.

Der Premier plädierte für eine "Entpolitisierung" der globalen Versorgung mit Nahrungs- und Düngemitteln sowie medizinischen Produkten, damit geopolitische Spannungen nicht zu humanitären Krisen führen. Nach Modis Worten sollen die "mächtigsten Länder" ermuntert werden zu einem "ehrlichen Gespräch" über eine Verringerung der von Massenvernichtungswaffen ausgehenden Risiken sowie über mehr globale Sicherheit. Einbezogen bei den G20-Beratungen würden auch Vertreter des globalen Südens, "deren Stimme oft ungehört bleibt".

Öl aus Russland

So war beim G20-Gipfel Mitte November auf Bali bei einigen Ländern Frustration aufgekommen, weil der Krieg in der Ukraine alle anderen Themen überschattet hat. Am Donnerstag betonte Modi: "Unsere Zeit muss nicht von Krieg geprägt sein. In der Tat, sie darf es nicht sein."

Im internationalen Konflikt mit Russland spielt Indien freilich eine eigene Rolle. So trägt das Land, wie China, die Sanktionen gegen Russland nicht mit. Im Vormonat kündigte es außerdem an, weiterhin russisches Öl zu kaufen. Das sei für Indien von Vorteil, erklärte Außenminister Subrahmanyam Jaishankar nach einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Moskau.

Indien hat sich nach China zum größten Ölkunden Russlands entwickelt. Seine Raffinerien kaufen günstiges Öl, das westliche Käufer wegen der Sanktionen gegen den Kreml nicht mehr abnehmen. Insgesamt ist Indien der drittgrößte Ölimporteur der Welt und hat traditionell enge Kontakte zu Russland. Umgekehrt kommt es mit China nicht gerade gut aus - was seinen Spielraum in der G20 einschränkt.