Das Militär hat die Kontrolle wichtiger Infrastrukturen übernommen. Flughäfen und Wasserkraftwerke werden geschützt. Die Regierung werde auch den Ausnahmezustand über das Autobahnnetz des Landes verhängen, um freien Verkehr zu gewährleisten, kündigte Perus Verteidigungsminister Alberto Otarola an. Denn im südamerikanischen Land reißen die Proteste nach der Absetzung von Präsident Pedro Castillo in der vergangenen Woche nicht ab.

Daran konnte auch die Ankündigung von Castillos Nachfolgerin Dina Boluartes nichts ändern, wonach sie nicht die volle Amtszeit bis 2026 dienen werde. Sie möchte vorgezogene Wahlen im April 2024 durchführen, erklärte Boluarte nach dem Tod von zwei Teenagern bei Protesten. Insgesamt sechs Menschen sind bisher im Zuge der Demonstrationen ums Leben gekommen.

Ende der Eintracht: Präsident Pedro Castillo wurde abgesetzt, Dina Boluartes ist erste Staatschefin Peru. - © afp / Benavides
Ende der Eintracht: Präsident Pedro Castillo wurde abgesetzt, Dina Boluartes ist erste Staatschefin Peru. - © afp / Benavides

Dabei wollten der im Juli 2021 angelobte Präsident Castillo und seine Stellvertreterin Boluarte, die auch als Ministerin für Entwicklung und soziale Inklusion diente, Peru in eine bessere Zukunft führen. Seit den 1990ern gab es keinen Staatschef, der nicht unter Korruptionsverdacht gestanden war oder wegen Korruption verurteilt wurde. Doch der Regierungsalltag gestaltete sich alles andere als einfach für den früheren Dorfschullehrer, der bis zu seiner Wahl zum Präsidenten nie ein politisches Amt innehatte. Wegen verschiedener Vorwürfe und Meinungsverschiedenheiten räumten immer wieder wichtige Minister ihre Posten. Erst vor drei Wochen ernannte Castillo eine neue Kabinettschefin - die fünfte in knapp eineinhalb Jahren.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Zwei Amtsenthebungsverfahren hatte er in seiner kurzen Amtszeit bereits überstanden. Als der Kongress, das 130-köpfige Parlament, zum dritten Verfahren gegen den Präsidenten ansetzte, wollte Castillo kurzerhand den Kongress auflösen. Doch sowohl sein eigenes Kabinett als auch die Opposition witterten einen Staatsstreich und enthoben den 53-Jährigen wegen "dauerhafter moralischer Ungeeignetheit" des Amtes. Castillo stand damit, im Gegensatz zum damaligen Präsidenten Alberto Fujimori, der 1992 mit einem Putsch die Kontrolle über das südamerikanische Land übernahm, alleine da.

Zwar ist der Kongress laut Umfragen wegen vieler Korruptionsvorwürfe noch deutlich unbeliebter als die Regierung. Aber selbst unter Castillos Stammwählerschaft ist das Ex-Staatsoberhaupt nicht unumstritten. Er vertrat vor allem das ländliche Peru. Doch gerade Bauern und Indigene konnten vom Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre kaum profitieren.

Land gegen Stadt lautet eine der Konfliktlinien in dem Staat mit 33 Millionen Einwohnern. Die soziale Ungleichheit ist enorm. Während der Corona-Pandemie hatte Peru eine der höchsten Sterblichkeitsquoten weltweit. Viele Bürger konnten es sich schlicht nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Auch nach 201 Jahren Unabhängigkeit von der spanischen Herrschaft sind Kolonialzeit und Rassismus präsent. Beispielsweise seien der Großteil der Hausangestellten in den Städten Indigene, schreibt die "Frankfurter Rundschau". Sie arbeiten oft für weiße Mittelschichts- und Oberschichtfamilien. Neun von zehn der dortigen Arbeitsverhältnisse werden nur mündlich geschlossen. In ruralen Gebieten werden Indigenen Landrechte verwehrt, sie müssen für Bergbauprojekte weichen.

Die langfristigen Probleme harren ebenso einer Lösung wie die akute Krise. Das Oberste Gericht lehnte den Einspruch Castillos gegen seine Festnahme ab. Der Ex-Präsident muss somit im Gefängnis bleiben. Geht es nach der Staatsanwaltschaft, soll Castillo bis zu drei Jahre in Gewahrsam bleiben. Seine Anhänger gehen in der Zwischenzeit weiter auf die Straße und protestieren für Castillos Freilassung.(apa/reu/red)