Nazanin (Name geändert) hörte vor wenigen Tagen in ihrer Wohnung in Teheran laute Rufe. "Wir sind hinausgegangen und sahen eine Frau, die auf dem Boden mit weit aufgerissenen Augen auf dem Rücken lag." Sie war umringt von Menschen, die vor Trauer kreischten. Einsatzkräfte stürmten Wohnungen von Protestteilnehmern, die junge Frau wurde dabei vom 4. Stock einer Wohnanlage geworfen. Jeden Tag soll es zu Demonstrationen und zu Angriffen der Schergen des Regimes kommen. Nazanin lebt seit mehr als 20 Jahren in Österreich und fliegt mehrmals jährlich in den Iran.

Seit beinahe drei Monaten wird im Iran demonstriert. Auslöser der Protestwelle ist der Tod von Jina Mahsa Amini, die Mitte September in Polizeigewahrsam starb. Sie wurde festgenommen, weil sie ihr Kopftuch nicht den Vorschriften entsprechend getragen habe. Knapp 500 Menschen, darunter mehr als 66 Minderjährige, sind bei der Niederschlagung der Proteste ums Leben gekommen. Mehr als 15.000 Menschen befinden sich in Haft. Die Dunkelziffern dürften allerdings deutlich höher sein. Zensur, die Einschränkung des Internet-Zugangs sowie weitere weitgreifende Repressalien lassen nur einen Bruchteil der Informationen durchsickern.

Zusätzlich hat das Regime im Dezember mit Hinrichtungen von Protestteilnehmern begonnen. Todesurteile werden Tag für Tag in Scheinprozessen verhängt - ohne Rechtsvertretung und hinter verschlossenen Türen. Wer gegen den Mullah-Staat auf die Straßen geht, über dessen Gräueltaten spricht, im Internet Videos und Fotos postet oder zu einem Begräbnis von Protestteilnehmern geht, riskiert Tod, Folter und Vergewaltigung. Die Menschen im Iran fordern Frauen- und Menschenrechte, Säkularisierung, Pressefreiheit, ein Ende der politischen Verfolgung - keine Reformen, wie eine angebliche Auflösung der Sittenpolizei, sondern den Sturz des totalitären Regimes.

Revolutionsstimmung

Fariba (Name geändert), die seit wenigen Jahren in Wien lebt, steht in ständigem Kontakt mit ihrer Familie. Vor etwa drei Wochen waren ihre Cousine und Schwester in der Stadt unterwegs. Aus einer Laune heraus schrien sie den Slogan der revolutionären Bewegung: "Frau! Leben! Freiheit!" Plötzlich schlossen sich um die 100 Personen an, die gerade in der Nähe waren. Die Menge zündete eine Mülltonne an und blockierte die Straße. Kurz darauf tauchten die ersten Motorräder auf. "Als sie sahen, dass die Menschen hinter ihnen in alle Richtungen flohen, war es schon zu spät." Faribas Schwester wurde in einen Van gezerrt und auf den Boden gedrückt. "Nachdem sie aus Schmerz gebeten hat, den Griff zu lockern, hat er sie noch einmal stärker gepackt." Faribas Cousine wurde am Nacken von Schrotmunition getroffen, konnte aber noch fliehen und hat überlebt.

Bei der Polizeistation angekommen, wurde ihre Schwester wortwörtlich in einen Raum geworfen, um verhört zu werden. Bei einem solchen "Gespräch" werde man wüst beschimpft, erniedrigt und "psychisch zerschmettert", sagt Fariba. Zwei Frauen legten der Schwester daraufhin Handschellen an und wurden angewiesen, sie in eine andere Abteilung zu bringen. "Du kannst niemanden anrufen oder deiner Familie Bescheid geben, wo du überhaupt bist. Es kann alles passieren."

Zum Teil werden nach Wochen oder Monaten der Haft traumatisierte Menschen oder gar leblose Körper den Angehörigen übergeben. Die betroffenen Familien werden von den Behörden unter Druck gesetzt, dies nicht publik zu machen oder zu behaupten, dass es Suizid gewesen wäre oder eine andere gesundheitliche Ursache bestünde. Kurz bevor Faribas Schwester abgeführt wurde, unterbrach der Chef der Polizeistation den Vorgang. Sie musste unterschreiben, dass sie nie wieder für Unruhe sorgen werde, und durfte dann gehen. Es ist unklar, ob sie schlicht Glück hatte oder das Ganze als Warnung gedacht war. "Beim nächsten Mal werden wir es dir richtig zeigen", sagte einer der Beamten.

Fariba selbst war mehrmals beim Verhör, weil sie der Sittenpolizei durch ihre Bekleidung aufgefallen war. "Was wir früher beim Verhör erlebt haben, kannst du mit jetzt nicht vergleichen", sagte ihre Schwester in einem Telefonat. Gespräche über Proteste mit Familienmitgliedern im Iran werden zur Vorsicht knapp gehalten, auch wenn so gut wie alle VPN-Dienste nutzen. "Nur die Stimme deiner Liebsten zu hören, heißt, dass sie leben und nicht verhaftet wurden." Fariba sehe den Gesichtern aber Kummer und Angst an, erzählt sie.

"Wir sind alle zusammen"

Nazanins Bruder kam an einem Tag mit roten, vom Tränengas gereizten Augen zu ihr und erzählte, dass vor seinem Geschäft Basij-Milizen mit Elektroschockern und Schlagstöcken auf Demonstranten losgegangen seien. Auch Fahrzeuge auf der Straße seien wahllos beschädigt worden. Die Schuld wird den Demonstrierenden zugeschoben. Jedes Mittel zur Spaltung möchte das Regime nutzen, denn einen solchen Zusammenhalt hat es noch nie gegeben.

Allen voran die "Generation Z", aber auch Ältere schließen sich den Protesten an, unabhängig von Ethnie und Glaubensrichtung. Als Regime-Milizen in der kurdisch-iranischen Stadt Mahabad für kriegsähnliche Zustände sorgten, wurde auch bei Protesten in anderen Teilen des Landes auf das Leid der kurdischen Bevölkerung aufmerksam gemacht. Da Apotheken und Krankenhäuser geschlossen oder bewacht wurden, versuchte die zivile Bevölkerung, von außerhalb medizinische Hilfspakete dorthin zu senden. Um den Mitstreitenden trotz des Risikos Mut zu machen, wird bei allen Versammlungen die Parole skandiert: "Fürchtet euch nicht! Wir sind alle zusammen!"

Wie groß die Solidarität ist, zeigte unter anderem ein landesweiter, dreitägiger Generalstreik, der am 5. Dezember begann. Videos im Netz zeigen in einigen Städten leere Straßen und geschlossene Großbasare sowie Einzelgeschäfte. Abgesehen von Umsatzeinbußen drohen die Behörden den Inhabern mit dauerhaften Zwangsschließungen und Inhaftierungen. Auch einige industrielle Betriebe wurden zeitweise stillgelegt. Zustände, wie es sie seit der Revolution 1979 nicht mehr gab.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Außerhalb der Landesgrenzen hat man das Gefühl mehr Gehör zu finden. Viele Iraner beklagen, dass dies nicht schon 2009 und 2019 der Fall war. "Die ganze Welt versteht die Probleme besser und schaut hin", sagt Fariba. Die iranische Diaspora hat eine große Rolle als Schallverstärker eingenommen. Von Europa, Nordamerika, bis nach Australien und Neuseeland werden Kundgebungen abgehalten, die auf die Missstände aufmerksam machen. "Die Menschen im Iran sind sehr glücklich darüber, denn sie sind ihre Stimme." Viele fürchten, dass das Regime erst in vollem Ausmaß durchgreift, wenn der Westen nicht zusieht.

Proteste, weinende Eltern, die nach ihren Kindern suchen, unverhüllte Frauen, Menschen, die in der Öffentlichkeit tanzen, sich küssen, brennende Milizzentralen - im Stundentakt werden Bildmaterial und Berichte der Menschen im Iran gepostet. Fariba ist sich sicher, dass es die letzten Tage des Regimes sind: "Es gibt kein Zurück mehr."