Im Jänner wurde Kasachstan von schweren Unruhen erschüttert, bei denen 208 Menschen ums Leben kamen. Die Regierung kündigte politische und wirtschaftliche Reformen an. Auf dem Freiheitsindex von Freedom House kommt Kasachstan auf 23 Punkte und gilt somit als unfrei (Österreich kommt auf 93 von 100 Zählern), im Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen liegt Kasachstan auf Platz 122 (von 180, Österreich liegt auf Platz 31). Der russische Angriff auf die Ukraine war eine Herausforderung für Kasachstan, das versucht, sowohl mit der Ukraine als auch mit Russland partnerschaftliche Beziehungen zu unterhalten.

"Wiener Zeitung": In welcher Weise hat der breit angelegte Angriff Russlands auf die Ukraine die kasachische Außen- und Sicherheitspolitik verändert?

Roman Vassilenko: Dieser Krieg ist eine besorgniserregende und traurige Situation für uns. Kasachstan hat gute Beziehungen mit Russland, aber auch mit der Ukraine. Wir haben mit beiden Nationen jahrzehntelang gemeinsam in der Sowjetunion zusammengelebt und wir haben gemeinsam die Nazis besiegt. Was in der Ukraine passiert, das ist nicht auf einem Planeten, sondern das geht uns sehr nahe. In Kasachstan leben über 19 Millionen Menschen, davon sind drei Millionen ethnische Russen und ungefähr 300.000 ethnische Ukrainer. Die Ereignisse ab dem 24. Februar haben uns nachdenklich gemacht. Wir stellen uns seither die Frage: Wie können wir unsere Außenpolitik verbessern? Wie können wir unsere Beziehungen mit der gesamten Welt verbessern? Gleichzeitig wurden wir darin bestärkt, dass die pragmatische, konstruktive Multivektor-Außenpolitik uns gute Dienste erwiesen hat. Wir werden diese Außenpolitik weiterbetreiben und nicht nur gute Beziehungen mit unseren Nachbarn Russland und China pflegen, sondern auch mit Europa und dem Westen. Viele dachten, dass Kasachstan seine balancierte Position aufgeben und sich für eine Seite entscheiden wird müssen. Aber das wäre ein schwerer Fehler - nicht zuletzt aus wirtschaftlicher Perspektive. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren über 400 Milliarden Euro an internationalen Investitionen angezogen, der größte Teil - mit 170 Milliarden Euro - kam von der EU, in Kasachstan sind 6.000 europäische Unternehmen tätig.

Sie sprechen von einer balancierten Außenpolitik. Wo steht Kasachstan im Ukraine-Krieg?

Wir stehen ein für die Souveränität und die territoriale Integrität von Staaten und den Respekt vor der UN-Charta. Im Klartext: Wir verlangen Respekt für die territoriale Unversehrtheit der Ukraine. Wir haben uns als Vermittler angeboten und stehen jederzeit bereit, falls unsere Dienste gewünscht werden. Die Türkei hat sich ja stark engagiert, etwa beim Getreidedeal oder beim Gefangenenaustausch. Unser Präsident Kassym-Schomart Tokajew steht im engen Kontakt mit Präsident Wladimir Putin aber auch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Unser Präsident hat seine erste Reise nach Moskau angetreten und ist dann gleich nach Paris zu Präsident Emmanuel Macron weitergereist. Diese Besuche in Moskau und Paris zeigen, wo unsere außenpolitischen Prioritäten liegen.

In Kasachstan fanden während der Zeit der UdSSR unzählige Nuklearwaffentests statt. Kasachstan hat - wie die Ukraine - das Budapester Memorandum unterzeichnet und hat sein Nuklearwaffenarsenal aufgegeben. Wie sieht man in Kasachstan das nukleare Säbelrasseln Moskaus?

Präsident Tokajew hat unsere Position zur Nuklearwaffen klargemacht. In Kasachstan wurden in der Zeitspanne von 40 Jahren 500 Nukleartests mit mehr als 660 nuklearen Sprengköpfen durchgeführt. Kasachstan weiß, was diese Waffen anrichten, daher hat Präsident Tokajew betont, dass es nicht akzeptabel ist, über den Einsatz von Nuklearwaffen auch nur nachzudenken. Gerede ein Atomwaffeneinsatz ist erst recht absolut tabu. Als unser Präsident am 28. November Präsident Wladimir Putin in Moskau getroffen hat, wurde in einer gemeinsamen Erklärung betont, dass ein Nuklearkrieg niemals ausgefochten werden soll, weil ein solcher Krieg nicht gewonnen werden kann. Es war uns wichtig, dass diese Passage über Nuklearwaffen in der gemeinsamen Erklärung enthalten war. Denn - wie gesagt - für Kasachstan ist das keine abstrakte Sache. Nuklearwaffentests haben das Leben von 1,5 Millionen Menschen in Kasachstan berührt. Wir haben immer noch 200.000 Menschen im Ostteil des Landes, die selbst von Strahlung betroffen waren. Daher ist es kein Wunder, dass Kasachstan Österreich bei seinen Bemühungen, Atomwaffen global abzuschaffen, sehr unterstützt hat. Österreich hat dazu ja im Juni zu einer Konferenz geladen, und nach Mexiko wird Kasachstan das dritte Vorsitzland der Konferenz zur Abschaffung von Nuklearwaffen sein. Mein Land setzt sich auch für eine zentralasiatische atomwaffenfreie Zone ein. Wir stehen für die Idee ein, bis zum Jahr 2045 - genauer bis zum 100. Jahrestag des Einsatzes von Nuklearwaffen in Hiroshima und Nagasaki - eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen. Unsere Bevölkerung ist in dieser Frage sehr sensibel, Kasachstan lehnt Atomwaffen kategorisch ab.

Themenwechsel: Die Europäische Union hat sich sehr lange auf Russlands Pipeline-Infrastruktur und Gas aus Russland verlassen. Auch Kasachstan ist bei seinen Energielieferungen nach Europa sehr auf das russische Pipeline-Netz angewiesen. War es ein Fehler, so stark auf Russland zu setzen?

Wir verwenden die russische Transportinfrastruktur, weil sie gut funktioniert und vergleichsweise kostengünstig ist. Vergleicht man die Transportdistanzen etwa mit dem sogenannten mittleren Korridor in die EU, dann ist dieser Korridor um rund 1.600 Kilometer länger. Wir haben aber - wie die Europäer - erkannt, dass wir einen diversifiziertes und verlässliches System für den Transport unserer Waren und Güter inklusive Öl und Gas auch nach Europa benötigen. Da braucht es ein Bündel von breiter gefächerten Optionen. Aber: 80 Prozent unserer Ölexporte werden über das russische Pipelinenetz transportiert. Das Öl landet in Nowosibirsk und wird von dort zu Kunden in Europa verschifft. Der mittlere Korridor wird vielleicht eines Tages 30 bis 35 Prozent der russischen Pipelineroute transportieren können. Das Gros der Energieexporte wird also auch in Zukunft über russische Pipelines abgewickelt werden. Die CPC Pipelineroute, in der Öl aus Kasachstan transportiert wird, wurde von Sanktionen ausgenommen, weil diese Sanktionen Kasachstan getroffen hätten. Übrigens: Österreich bezieht 40 Prozent seines Öls aus Kasachstan. Ich möchte klarstellen: Kasachstan will weiterhin als zuverlässiger Energielieferant und Partner gesehen werden.