Weihnachtsstimmung in Bagdad: leuchtende Sterne und Girlanden über den Straßen, übergroße, aufblasbare Weihnachtsmänner am Straßenrand. Kerzen und Lichter überall in den Fenstern, Weihnachtsbäume üppig geschmückt mit bunten Kugeln und leuchtenden Ketten, die man sonst nur in Bars oder Diskotheken findet. Das alles bietet die irakische Hauptstadt dieser Tage. "Merry Christmas" ist mit einer weißen Sprühfarbe an die Schaufenster der Geschäfte geschrieben. Dazu Schneeflocken und Schneemänner. In einem Land, wo es kaum schneit - das letzte Mal vor drei Jahren eine halbe Stunde - und wo die Wüste immer weiter um sich greift. In einem Land, in dem kaum noch Christen leben, feiern die Muslime Weihnachten.

Barra hat schon vor Wochen einen kleinen grünen Weihnachtsbaum gekauft. "Ja klar aus Plastik", gesteht er: "Bei uns gibt es doch nur Palmen in echt." Seine beiden Töchter, sechs und acht Jahre alt, freuen sich schon riesig auf das Fest. Am 31. Dezember, wenn andere Sylvester feiern, ist im Hause Barra Weihnachten. Wie bei vielen Muslimen im Irak.

Die Vorfreude ist groß: In Tripoli wohnen vor allem Sunniten, die die Tradition der Christen seit Jahren praktizieren. - © Birgit Svensson
Die Vorfreude ist groß: In Tripoli wohnen vor allem Sunniten, die die Tradition der Christen seit Jahren praktizieren. - © Birgit Svensson

Deshalb bekommen Freunde und Bekannte in der ganzen Welt auch erst am Jahresende Weihnachtsgrüße aus dem Zweistromland zugeschickt. Da die Christen Iraks an unterschiedlichen Tagen Weihnachten feiern - die Rom zugewandten Chaldäer am 25. Dezember, Orthodoxe und Armenier Anfang Jänner -, ist der 31. Dezember ein guter Kompromiss.

Glimmer und Glitter

Barra erzählt seinen Töchtern, dass dies eine christliche Tradition sei, weil der Prophet Jesus dann geboren wurde. Die Kinder bekommen kleine Geschenke und etwas Neues zum Anziehen. "Für Kinder ist dies ein Riesenfest mit Glimmer und Glitter, die mögen das sehr", begründet Barra die christliche Tradition, die auch ihm schon als Kind seine Eltern vermittelt haben.

Damals, sagt der 32-jährige Iraker wehmütig, habe es noch viele Christen im Irak gegeben. Vor allem im Bagdader Stadtviertel Karrada, wo er und seine Familie seit Generationen beheimatet ist, lebten schiitische Araber und Christen Tür an Tür. Der Terror der extremistischen Muslime wie Al Kaida und später IS haben die Christen getötet oder vertrieben. Besonders in Karrada, wo es auch viele Kirchen gibt, explodierten eine Zeit lang fast täglich Bomben. In der syrisch-katholischen Marienkirche nicht weit von Barras Haus haben muslimische Dschihadisten 2010 das Gotteshaus gestürmt und mehr als 100 Menschen als Geiseln genommen. Fast die Hälfte von ihnen wurden brutal exekutiert. Manchmal weine er spät abends über dieses Schicksal, verrät Barra. Er vermisse die christlichen Nachbarn.

Auch in der zweitgrößten Stadt Iraks, in Basra, feiern die Muslime Weihnachten. Dort gibt es noch weniger Christen als in Bagdad, obwohl Mossul im Norden und Basra im Süden früher die meisten Christen aufwiesen. In der chaldäischen Kirche Sankt Ephrem in Basra wird der Gesang deshalb immer lauter und inbrünstiger. Obwohl nur ein Drittel der Plätze besetzt ist, hört es sich an, als ob das Gotteshaus voll wäre.

Wie einen Hilfeschrei schicken die Christen ihre Gebete zum Himmel. Ein alter Vorsänger mit klarer Stimme fängt an, die Gläubigen antworten ihm. Sie singen auf Aramäisch, in der Sprache Jesu, einer uralten semitischen Sprache, die mit Hebräisch und Phönizisch verwandt ist. Erzbischof Habib Jajou hält seine Predigt auf Arabisch. Denn außer der Liturgie gibt es kaum noch Schriften in der alten Sprache. Das Erzbistum von Habib Jajou zählt zu den ältesten der Ostkirche. Unzählige Kirchen, Klöster und christliche Kulturzentren wuchsen im ehemals südlichen Mesopotamien aus dem Boden. Sumerer, Chaldäer und Araber pflegten die aramäische Sprache und Kultur über Jahrhunderte hinweg.

Der Bischof hat die Geschichte der Christen im Süden in einem Buch festgehalten. "Damit sie nicht vergessen wird", sagt er resigniert nach der Messe. "Denn was seit 2003 hier passiert, kommt einer Katastrophe gleich." Mehr als 90 Prozent der Christen hätten seit dem Einmarsch der Amerikaner und Briten Basra und Umgebung verlassen. Der Bischof schätzt, dass es derzeit lediglich noch 400 Christen in der Stadt gebe. "Christen aller Konfessionen wohlgemerkt, nicht nur Chaldäer." Im ganzen Land sind es noch 150.000 von ehemals 1,2 Millionen Menschen im Jahr 2003. Obwohl in Basra weder Al Kaida noch der IS herrschten, standen die Christen dort ebenfalls jahrelang massiv unter Druck.

Die religiösen muslimischen Hardliner beherrschten die Szene, der Einfluss des Nachbarn Iran nahm zu. Als ein Imam ein Verbot für gläubige Muslime aussprach, den Christen zum Weihnachtsfest zu gratulieren, war das Miteinander endgültig zerstört. Einige zogen um nach Bagdad, die meisten aber stellten Emigrationsanträge in die USA oder nach Kanada.

Als fast alle Christen Basra den Rücken gekehrt hatten, fingen die Muslime an, Weihnachten zu feiern. Und inzwischen geschieht etwas Bemerkenswertes. Immer mehr junge Basrawis wenden sich von der Religion ab. An der Universität seien die meisten Studenten Atheisten, sagt Ahmed, der im dritten Semester Medizin studiert. Fast alle seine Kommilitonen seien vom Glauben abgefallen. Dies liege vor allem am IS, der sich mit seiner brutalen Auslegung des Islam mehr Feinde als Freunde geschaffen habe.

Eine Stunde Strom täglich

In Beirut ist es dunkel. Im Gegensatz zum Lichterglanz Bagdads sind in der libanesischen Hauptstadt die Straßen schmucklos. Dabei toste gerade hier zu Weihnachten das Leben des Nahen Ostens. Die einstige Kolonialmacht Frankreich hat Spuren hinterlassen und die Tradition von Weihnachten fest verankert.

Doch seitdem die Wirtschaftskrise vor zwei Jahren nach der Explosion des Speichers im Hafen von Beirut begann, gibt es höchstens eine Stunde Strom am Tag. Der Libanon ist pleite. Straßenbeleuchtungen gehören der Vergangenheit an und somit auch Weihnachtsschmuck.

Einzig in den Geschäften der berühmten Einkaufsstraße Hamra sieht man Christbäumchen, Weihnachtsmänner und rote Zipfelmützen, die die Schaufenster schmücken. Vor den Hotels stehen sogar echte Tannen, die mit Lichtern bestückt sind und mit Generatorenstrom leuchten, der für viele Libanesen immer unerschwinglicher wird. Mohammed Naser Edin wird trotzdem sein Nikolausgewand anlegen und für seine kleinen Kinder den Weihnachtsmann spielen. "Es gibt in diesem Jahr nur kleine Päckchen", sagt der 45-Jährige: "Und nur für die Kinder." Mehr könne sich die Familie nicht mehr leisten. Die Zeit der üppigen Geschenke sei vorbei.

Will man Weihnachten im Libanon finden, müsse man nach Byblos reisen, knapp eine Stunde von Beirut entfernt an der Küste im Norden. Die Stadt mit heute 40.000 Einwohnern ist einer der ältesten permanent besiedelten Orte der Welt. Phönizier und Römer haben sie geprägt, und die Kreuzzüge im Mittelalter machten Byblos berühmt. Aus dieser Zeit stammten die Weihnachtstraditionen, die hier das ganze Jahr über lebendig seien, wird gesagt. Bei der Ankunft in der Stadt des Unesco-Weltkulturerbes gießt es in Strömen. Die römischen Kolonnaden wirken grau in grau, der Regen läuft in Bächen die Straßen hinunter, die kleinen Buden des Weihnachtsmarktes sind schnell überschwemmt. Einzig die Geschäfte in den engen Gassen von Byblos haben teilweise geöffnet.

Geschenke aus Duisburg

Im Hafen von Tripoli liegt ein Getreidefrachter, der gerade gelöscht wird. Staubwolken steigen in den Himmel auf. Das Schiff sei aus der Ukraine gekommen, sagen Hafenarbeiter, mit Weizen an Bord. Im August sorgte die "Razoni" für Schlagzeilen, das erste Schiff, das den ukrainischen Hafen Odessa fünf Monate nach Beginn des Krieges in Richtung Libanon verließ, um die drohende Hungersnot dort abzuwenden. Das Abkommen, das die UNO, die Türkei, Russland und die Ukraine zum Transport von Getreide beschlossen haben, scheint bis heute anzuhalten. Die Ernährungskrise im Libanon ist damit etwas gemildert.

Und dann gibt es doch noch einen Hauch von Weihnachten. Ein Kleinlaster, der auf der Ladefläche Gasflaschen geladen hat, fährt durch Tripoli und spielt "Jingle Bells", um auf sich aufmerksam zu machen und Kunden anzulocken. Mira Succari erzählt, sie sei am Vortag auf einer Demonstration gewesen, um gegen die fehlende Weihnachtsdekoration in der zweitgrößten Stadt Libanons zu protestieren. "Die tun nichts mehr für uns", wirft sie den Stadtverantwortlichen vor. Die junge Frau sitzt in einem gemütlichen Kaffee, das sich "Warche 13" nennt und den Bezirk zum Namen hat, in dem es liegt. "Wir feiern hier alle Weihnachten", weiß sie. In Tripoli wohnen vornehmlich sunnitische Muslime, die aber die Tradition der Christen seit Jahren praktizieren. Die vielen Libanesen, die außer Landes lebten, würden sie mitbringen, wenn sie zum Jahresende zu Besuch nach Hause kämen. "Dann gibt es Weihnachtsgeschenke aus Deutschland, England, Frankreich, den USA und vielen anderen westlichen Ländern", erzählt die 20-jährige Libanesin im "Warche 13".

Miras Vater wohnt in Duisburg und kommt am Heiligen Abend nach Tripoli. Sie weiß, dass er ihr etwas Schönes mitbringen wird.