Kurz vor dem Todestag des einflussreichen Kommandanten Ghassem Soleimani laufen die Vorbereitungen für Trauerveranstaltungen im Iran auf Hochtouren. Drei Jahre sind verstrichen, seitdem der Revolutionsgarden-General bei einem US-Drohnenangriff am 3. Jänner im Irak getötet wurde. In Teheran prangt ein Porträt Soleimanis auf einem riesigen Banner neben historischen Widerstandskämpfern. Von Systemanhängern wird er als Held und Märtyrer verehrt. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Die Revolutionsgarden (IRGC) sind Irans Eliteeinheit. Gegründet von Ayatollah Ruhollah Khomeini nach der Islamischen Revolution 1979 soll die Einheit einen Putsch verhindern und die Staatsideologie schützen. Hunderttausende Hilfstruppen unterstehen den IRGC, darunter auch die berüchtigten Basij-Milizen, die jüngst an der brutalen Unterdrückung der Proteste beteiligt waren. Oberbefehlshaber ist Irans Staatsoberhaupt Ali Khamenei, der in allen strategischen Belangen das letzte Wort hat.

Militärisch hochgerüstet

In den vergangenen Jahrzehnten sind die Revolutionswächter nicht nur militärisch hochgerüstet worden, sie haben auch ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Einfluss ausgebaut. Heute gelten Anhänger der IRGC als Wirtschaftsmacht, mit Beteiligungen unter anderem an Hotelketten, Mobilfunkunternehmen und Airlines. Gleichzeitig kontrollieren sie Teile der von scharfen internationalen Sanktionen getroffenen Wirtschaft. Ein Insider in Teheran bezeichnete die Wächter als "Motor der Islamischen Republik".

Es war kein Zufall, dass General Soleimani ausgerechnet im Nachbarland Irak getötet wurde. Als Kommandant der Al-Quds-Brigaden, der IRGC-Auslandseinheit, hatte der Veteran Teherans Einfluss in der Region seit den 1990er-Jahren ausgebaut. Immer wieder war der charismatische Kommandant auf militärischer und diplomatischer Mission, wie zuletzt auch in Iraks Hauptstadt Bagdad. Für viele Schiiten in der Region sei Soleimani "eine Mischung aus James Bond, Erwin Rommel und Lady Gaga", schrieb der ehemalige CIA-Experte Kenneth M. Pollack vor Jahren im "Times"-Magazin.

Teheran sucht Verbündete

Ob Irak, Syrien oder Libanon: Teheran setzt auf Verbündete in der Politik und die Unterstützung schiitischer Milizen. Damit will sich die Islamische Republik auch gegen ihren Erzfeind Israel rüsten. Nach Soleimanis Tod 2020 trauerte die Nation, darunter nicht nur treue Systemanhänger. Doch von der gesellschaftlichen Entrüstung über den Luftangriff, den der frühere US-Präsident Donald Trump befohlen hatte, ist heute wenig zu spüren. Viele Iraner machen inzwischen auch die Revolutionsgarden für gesellschaftliche Probleme verantwortlich.

IRGC-Offizieren ist die Kritik bekannt. Doch davon zeigt sich die militärische Führung unerschrocken. "Auch wir kennen die Probleme, den Dollar-Kurs und die Preise in den Supermärkten", beteuert der Insider aus Teheran. Aus Sicht der Revolutionsgarden ist dies der Tribut für die Unabhängigkeit von großen Mächten, allen voran dem Erzfeind USA. "Mögen die Anhänger eines Systemwechsels etwa in einem unsicheren Land leben, nur weil sie kein Kopftuch tragen wollen oder die Kleriker nicht mögen?"

Ob die Revolutionsgarden den Iran zu einem sichereren Land machen, sehen inzwischen viele Landsleute kritisch. Vor allem das expansive Engagement im Nahen Osten und die Unterstützung militanter Schiiten hätten zu den Spannungen in der Außenpolitik geführt, sagen Kritiker. Und zuletzt auch die gewaltsame Unterdrückung der Proteste führe zu einer großen gesellschaftlichen Spaltung, beklagen Iranerinnen und Iraner verschiedener Schichten.

Soleimani: "Meister des Widerstands"

Angesichts der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen seit Ausbruch der Demonstrationen Mitte September hat die EU viele hochrangige Offiziere der Revolutionsgarden mit Sanktionen belegt. Doch einigen Politikern und Aktivisten geht das nicht weit genug: Immer wieder fordern sie, die IRGC auch als Terrororganisation einzustufen. Die USA hatten den Schritt unter Donald Trump bereits 2019 vollzogen.

Während Soleimani bei landesweiten Trauermärschen weiter als "Meister des Widerstands" verehrt wird, zeigen Systemgegner mit Protestaktionen auch ihre Ablehnung der Revolutionsgarden. Plakate und Porträtbilder des Generals mit dem weißen Haar und Bart begleiten den Todestag, doch einige Banner wurden in den vergangenen Wochen immer wieder angezündet oder mit roter Farbe überschüttet. Die Botschaft der Demonstranten: "An Euren Händen klebt Blut." (apa, dpa)