Kabul. Das vor kurzem verhängte Verbot der Taliban kam überraschend: Frauen dürfen in Afghanistan nicht mehr für Hilfsorganisationen arbeiten. Die Entscheidung der radikalislamischen Machthaber stellt die NGOs in Afghanistan vor ein Dilemma. Ohne ihre Mitarbeiterinnen können sie ihre Hilfe kaum leisten. Stellen sie ihre Arbeit jedoch komplett ein, droht dem Land eine humanitäre Katastrophe.

"Wir mussten eine sehr schwierige Entscheidung treffen, ob wir ohne unsere Mitarbeiterinnen weitermachen. Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es ohne sie unmöglich ist, unsere Arbeit im Land fortzusetzen", schildert Samira Sayed-Rahman von der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC). Von den 8.000 Beschäftigten der Organisation sind an die 3.000 Frauen.

Am 24. Dezember verbot das afghanische Wirtschaftsministerium sowohl lokalen als auch ausländischen Hilfsorganisationen, einheimische Frauen zu beschäftigen. Viele von diesen hätten gegen das Gebot der Vollverschleierung verstoßen, hieß es zur Begründung. Mit dem gleichen Argument hatten die Taliban kurz zuvor Frauen aus den Universitäten verbannt. Mehrere Organisationen wie das IRC stellten daraufhin ihre Arbeit ein und forderten die radikalislamischen Machthaber auf, das Beschäftigungsverbot aufzuheben.

Vorgaben der Machthaber

Dem Wirtschaftsministerium in Kabul zufolge sind etwa 1.260 NGOs in Afghanistan aktiv, tausende Afghaninnen arbeiteten dort, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Für viele der Frauen waren diese Jobs die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, mit dem sie häufig ganze Großfamilien ernährten.

Im streng konservativ-islamischen Afghanistan haben nur weibliche Helferinnen Zugang zu bedürftigen Frauen. "Kontakt zu einer Frau aufzunehmen ist für einen Mann sehr schwer, wenn er nicht mit ihr verwandt ist", erklärt Reshma Asmi von der Hilfsorganisation Care.

Das Frauen-Beschäftigungsverbot kam für die Hilfsorganisationen unerwartet. Denn selbst in den 20 Jahren des Kampfes der USA und ihrer Verbündeten gegen die Taliban durften humanitäre Helferinnen in den von den Islamisten kontrollierten Gebieten arbeiten.

Seit der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 mussten sich die Hilfsorganisationen an die Vorgaben der Machthaber halten. "Wir haben wie alle NGOs die Werte, die Tradition, die afghanische Kultur respektiert und die Forderungen der Taliban umgesetzt", betont Samy Guessabi, Leiter der Organisation Aktion gegen den Hunger in Afghanistan. In den Büros hätten Männer und Frauen getrennt voneinander gearbeitet; die Mitarbeiterinnen hätten sich verschleiert und seien nur in Begleitung eines männlichen Angehörigen gereist, erzählt Guessabi.

In die Enge getrieben

"Die Taliban haben uns mit dem Beschäftigungsverbot für Frauen in die Enge getrieben", meint ein NGO-Mitarbeiter, der anonym bleiben will. "Sie sagen: ‚Ihr müsst euch entscheiden, ob ihr unsere Regeln befolgt, oder ihr müsst gehen‘ - und zusehen, wie sich die Lage verschlechtert."

Die Helfer befürchten das Schlimmste. Bis zur Machtübernahme durch die Taliban stammten 75 Prozent des afghanischen Staatsbudgets von ausländischen Gebern - Geld, das jetzt nicht mehr zur Verfügung steht. Fast 23 Millionen Afghanen, die Hälfte der Bevölkerung, sind von Hunger bedroht. "Im vergangenen Winter konnte eine Hungersnot nur durch humanitäre Hilfe verhindert werden", stellt Sayed-Rahman fest. "Wenn wir diese Hilfe nicht wieder leisten können, wird es fürchterlich werden."

Alle befragten Organisationen setzen auf Dialog mit den Taliban und hoffen noch, dass diese das Beschäftigungsverbot wieder zurücknehmen. Ob sie sich andernfalls ganz aus Afghanistan zurückziehen, lassen sie offen. "Wir sind neutral", sagt Care-Mitarbeiterin Asmi. "Unser Ziel ist es, die Hilfsbedürftigen zu erreichen - und nichts anderes." (afp)