Bis vor wenigen Tagen gab es noch so gut wie keinen Schnee in Davos. Doch dann kam endlich das ersehnte Weiß - nun passt die Kulisse für das Weltwirtschaftsforum (WEF).

Der Montag ist noch vergleichsweise ruhig und trotzdem wälzen sich schon Kolonnen von BMWs, Mercedes, Audis und Teslas durch die Hauptstraße von Davos, die Promenade, die zur Zeit des Weltwirtschaftsforums ganz auf WEF getrimmt ist.

Insgesamt werden fast 2.700 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bei dem Treffen, das bis Freitag andauert, erwartet. Im Mittelpunkt werden wohl der Krieg in der Ukraine und seine weltwirtschaftlichen und geopolitischen Auswirkungen stehen. Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, sagte vor Beginn des WEF: Die Welt sei derzeit wie in Krisen gefangen, Davos solle helfen, dass sie darin nicht verhaftet bleibe. Doch das würde nur funktionieren, wenn Regierungen, Wirtschaft und Organisationen zusammenarbeiten würden. Daraus würde sich auch das Motto für 2023 ableiten: "Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt".

Doch jene, die daran arbeiten könnten, dass die Klüfte zwischen den geopolitischen Playern, die in den vergangenen Jahren immer breiter geworden sind, sich wieder ein wenig schließen, reisen erst gar nicht an: US-Präsident Joe Biden hat abgesagt, der chinesische Staats- und Regierungschef Xi Jinping schickt einen Vize und so ist der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz der klingendste Name beim WEF 2023. Immerhin kursieren Gerüchte über einen möglichen Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der vergangenes Jahr bloß via Videoschaltung dabei war. Aus Österreich reisen Außenminister Alexander Schallenberg sowie Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Kocher in die Schweizer Berge. Schallenberg soll eine Reihe von Amtskollegen zu Gesprächen treffen, unter anderem den neuen israelischen Außenminister Eli Cohen, Fuad Hussein (Irak) sowie Ignazio Cassis (Schweiz), und hochrangige UN- und EU-Vertreter. Minister Kocher wird Amtskolleginnen und -kollegen treffen, darunter die ukrainische Wirtschaftsministerin Yuliia Svyrydenko und den neuseeländischen Wirtschaftsminister Damien O’Connor.

Primat der Politik

In etwas mehr als einem Monat jährt sich der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, es ist keine Überraschung, dass sich zahlreiche Podien in Davos diesem Thema widmen. Die ukrainische Delegation wird die Gelegenheit wahrnehmen, erneut um Unterstützung beim Wiederaufbau zu werben, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wird ebenfalls beim Forum sprechen. Im Mai 2022 sagte Stoltenberg in Davos: "Freiheit ist wichtiger als Freihandel", und sprach damit auch indirekt eine der zentralen Verschiebungen der politischen Plattentektonik seit Beginn des Krieges an: Das Primat der Politik ist wiederhergestellt, nachdem jahrzehntelang Manager und Wirtschaftsbosse den Takt vorgegeben haben. Dass Starinvestor George Soros, eigentlich Stammgast in Davos, in diesem Jahr stattdessen zur Münchner Sicherheitskonferenz reist, ist ein weiteres, sichtbares Zeichen dieser Entwicklung. Nun bestimmen Energiekrise, hohe Inflation, gestörte Lieferketten die Schlagzeilen - ohne starke Eingriffe der Politik lassen sich diese Probleme nicht lösen. "Wirtschaftliche, umweltspezifische, soziale und geopolitische Krisen kommen zusammen und schaffen eine extrem unvorhersehbare und unsichere Zukunft", beschreibt es Schwab.

Davos und die Klimakrise

Neben dem Ukraine-Krieg werden die wirtschaftspolitischen Herausforderungen die Diskussion beherrschen, vor allem die explodierenden Inflationsraten, Lieferkettenprobleme und die neue Post-Covid-Arbeitswelt. Daneben werden die 56 teilnehmenden Finanzminister, 30 Handelsminister und 19 Notenbankchefs über das umstrittene Subventionsprogramm für US-Firmen ("Inflation Reduction Act") diskutieren, das zwar der US-Wirtschaft massive Impulse geben wird, es aber europäischen, koreanischen und japanischen Unternehmen in den USA schwerer macht, mit ihrer US-Konkurrenz mitzuhalten.

Im stets vor Beginn des Weltwirtschaftsforums erscheinenden "World Risk Report" haben die WEF-Expertinnen und -Experten davor gewarnt, dass die vielen Krisen die "Bemühungen zur Bewältigung längerfristiger Risiken untergraben, insbesondere im Zusammenhang mit dem Klimawandel, der biologischen Vielfalt und Investitionen in das Humankapital". Da sich das Zeitfenster für Maßnahmen gegen die schwerwiegendsten langfristigen Bedrohungen rasch schließe, seien international abgestimmte Maßnahmen erforderlich, ehe Risiken "einen Kipppunkt" erreichen. Die Klimakrise ist also auch in Davos Thema. Und was wäre das WEF ohne Schneekulisse?