Peking. Die Corona-Lage in China ist laut Vize-Ministerpräsident Liu He stabil. "China hat den Höhepunkt der Infektionen überschritten", sagte Liu auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Zur "Rückkehr zur Normalität" sei es nur eine kurze Zeitspanne.

Allerdings bekommen vorhandene Spekulationen über geschönte Corona-Todeszahlen in China nach Meldungen von Ärzten neuen Auftrieb. Mediziner berichteten der Nachrichtenagentur Reuters, sie seien angehalten worden, als Todesursache nicht Atemversagen nach Covid-Erkrankung in die Sterbeurkunde zu schreiben. Wenn der Verstorbene eine Grunderkrankung hatte, sollte diese als Haupttodesursache genannt werden, heißt es in einer Anweisung in der Notaufnahme eines Privatkrankenhauses, die von Reuters eingesehen wurde.

Sechs Ärzte in öffentlichen Spitälern in ganz China bestätigten, entweder ähnliche mündliche Anweisungen erhalten zu haben, die sie davon abhielten, Todesfälle Covid zuzuschreiben - oder sie seien sich bewusst, dass ihre Krankenhäuser solche Richtlinien hätten. "Seit der Wiedereröffnung im Dezember haben wir aufgehört, Covid-Todesfälle zu klassifizieren", sagte ein Arzt eines großen öffentlichen Krankenhauses in Shanghai. "Es ist sinnlos, das zu tun, weil fast alle positiv sind."

Mehrere Mediziner erklärten, ihnen sei gesagt worden, dass solche Anweisungen von "der Regierung" kämen, obwohl keiner wisse, aus welcher Abteilung. Drei weitere Ärzte gaben an, dass ihnen solche Leitlinien nicht bekannt seien.

Sieben Angehörige kürzlich Verstorbener erklärten Reuters, Covid sei nicht auf der Sterbeurkunde erwähnt worden, obwohl die Verwandten entweder positiv getestet worden seien oder Covid-ähnliche Symptome gezeigt hätten. Soziale Medien sind voll von ähnlichen Berichten.

Chinas Zentrum für Seuchenkontrolle und die Nationale Gesundheitskommission waren für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Virus verbreitet sich rasant

Nachdem die Regierung Anfang Dezember ihre strikte Null-Covid-Politik aufgegeben hat, verbreitet sich das Virus in der Volksrepublik rasant. Die Behörden meldeten in den vergangenen Wochen aber höchstens fünf Tote pro Tag - ein krasser Gegensatz zu den Bildern von langen Schlangen vor Beerdigungsinstituten und von zahlreichen Leichensäcken, die aus überfüllten Krankenhäusern stammen. Vergangene Woche korrigierte die Nationale Gesundheitskommission ihre Zahlen deutlich nach oben. Demnach hat es zwischen 8. Dezember und 12. Jänner knapp 60.000 Todesfälle gegeben. Internationale Experten schätzen aber, dass es heuer mehr als eine Million Corona-Tote geben könnte.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat zuletzt empfohlen, dass die Volksrepublik die Übersterblichkeit überwacht, um sich ein umfassenderes Bild von den Auswirkungen der Covid-Verbreitung zu machen.(reuters)