Die Stadt der Illusion

Seit wenigen Wochen verwandelt sich die sonst so ruhige Stadt Davos einmal mehr in ein Gewusel des Schreckens. Gebäude werden errichtet, Strassen und Wege werden gesperrt, Helikopter fliegen mit lautem Brummen über unsere Köpfe hinweg und überall wird kontrolliert und überwacht. Eine Stadt wird auf den Kopf gestellt; der Weltwirtschaft zuliebe. Der Dezember ist ein herrlicher Monat für Skihasen, Pistenrowdys und Winterliebhaber. Leute kommen nach Davos, um die schöne Landschaft, die Bergluft und den Schnee zu genießen. Man schlendert durch die Strassen und erlebt ein heimatliches Gefühl der Erholung. Doch ab Ende Dezember verschwindet dieses Gefühl nach und nach. Leere Schaufenster und Läden, etliche Kräne, Gerüste und Gitter, ein Lastwagen nach dem anderen überrollt unser Zuhause. Man muss jetzt schauen, wie man zur Schule kommt, denn die Busse werden vom Baugewimmel aufgehalten oder gar umgeleitet und der Straßenverkehr nimmt verachtenswerte Masse an. Doch dann beginnt das WEF. Die Business-Leute freuen sich über die schönen Gebäude, die mit großen Bildschirmen und Werbeplakaten bepflastert wurden. Dabei freuen sie sich über eine Illusion, über eine Stadt, die so gar nicht existiert. Jeden Tag gehen wir Schüler unter, zwischen "Shuttle-Busses" und "wichtigen Leuten". Wir lernen zwar in der Schule über die Bedeutung und Wichtigkeit des WEFs, jedoch verstehe ich es immer weniger: Eine ruhige und doch blühende Stadt wird zu einem wirtschaftlichen Schauplatz für Großmächte. Politiker und Engagierte diskutieren darüber, wie sie die Umwelt schützen oder wie sie die Welt verbessern könnten, und dafür kommen sie mit Privatjets und Flugzeugen aus aller Welt. Natürlich entstehen für die Welt auch Vorteile durch die ganze Situation. Wichtige Themen wie der Ukraine-Russland-Konflikt, die Hungersnot in armen Ländern sowie zu bearbeitende Menschenrechtsverletzungen erlangen mehr Aufmerksamkeit, jedoch gerät alles schnell wieder in Vergessenheit. Auch die Wochen nach dem WEF sind für viele mühsam. Die Arbeiter*innen bauen bis in die Nacht hinein ab und interessieren sich nicht für die, die am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Lastwagen und Kräne prägen wieder das Landschaftsbild. Und plötzlich ist alles verschwunden, die Illusion aufgelöst. Sie hinterlässt den trüben Eindruck einer leeren Stadt mit leeren Schaufenstern. Jeanne Ammann, G5b

Das WEF steht über allem!

Da wir das Glück hatten, in Davos aufzuwachsen, sind wir sozusagen mit dem WEF groß geworden. Das World Economic Forum ist dazu da, dass sich Personen aus aller Welt friedlich austauschen können. Für die Davoser Bevölkerung war das WEF früher eine Attraktion. Doch in den letzten Jahren hat sich vieles negativ verändert. Früher war es so, dass die Berühmten ihre Familien mitbrachten, die dann in die Skischule gingen und die Läden besuchten... Ein Gewinn für ganz Davos. Als wir anfangs Januar um kurz nach halb 9 Uhr an der Bushaltestelle bei der Tobelmühlestrasse sehr lange auf den Bus warteten, zeigte sich, dass dieses Jahr die Bauten im Rahmen des WEF schon in der Hochsaisonwoche der Weihnachtsferien errichtet wurden. Überall Kräne, Lastwagen, Militär und Zäune. Die "neuen" Häuser und Fassaden schossen aus dem Boden, der Verkehr wurde immens behindert – und das in der Neujahrswoche, in der wir häufig am meisten Touristen haben. Außerdem ist in Davos gewöhnlich ein Baustopp von Weihnachten bis Ostern, damit unsere Gäste ein schönes Dorfbild haben. Nach den Problemen der letzten Jahre hieß es mehrfach, das WEF werde zukünftig in einem kleineren Rahmen stattfinden, doch die Realität ist anders. Die temporären Bauten und Umbauten werden sogar in unseren Augen immer mehr. Zahlreiche Läden wurden schon ausgeräumt – ein trauriges Bild, wer schlendert da noch freiwillig über die Promenade? Einige Hotels schließen in dieser Zeit für Gäste, um fürs WEF umzubauen oder Teilnehmer aufzunehmen. Nennt man das gastfreundlich? Nun müssen wir Davoser das ganze Jahr in viele leere Schaufenster schauen. Dies ist eine der langfristigen Folgen des WEFs. Schlimm genug, dass das WEF im Winter stattfindet, da Davos vom Wintertourismus lebt und deshalb auf Nachhaltigkeit geachtet werden muss. Verstehen wir nicht, warum während des WEF darauf keine Rücksicht genommen wird. Wieso verkehren unzählige Shuttles durch Davos? Auch diese Menschen haben Beine und können auch so, mit ihren Bodyguards zum Kongresszentrum und zurück in ihr Hotel gelangen. Dazu kommt noch, dass unseren Gästen die Hotelzimmer weggenommen werden und die Berge in dieser Zeit wie ausgestorben sind. Schnee ist dieses Jahr zwar mangelhaft, aber in Davos zaubern die Bergbahnen jede Nacht wieder traumhafte Pisten für uns. Aber anstatt damit Werbung zu machen und unseren Gästen ein tolles Ferienerlebnis zu bieten, verwandeln wir Davos in eine Baustelle? Manchmal haben wir das Gefühl, das WEF stehe in Davos über allem. Schadet dies nicht auch dem Ruf von Davos? Klar, für viele gibt es eine große Wertschöpfung. Trotzdem ist es schön zu sehen, dass sich Menschen aus aller Welt hier in Davos begegnen können. Das WEF ist somit auch ein guter Werbefaktor. Aber wir verstehen natürlich auch, dass das WEF eine große Einnahmequelle ist und für Davos beinahe nicht mehr wegzudenken ist. Davos hätte unserer Meinung nach viele andere Qualitäten, die es ausbauen müsste und mit denen es Geld verdienen könnte. Für den Tourismus und die Bevölkerung war das letzte WEF im Sommer um einiges entspannter. Nun herrscht wieder Chaos. Wir wünschten uns, dass man in den nächsten Jahren etwas mehr Rücksicht auf die Bevölkerung und Touristen nimmt.

Lina Bundi, Nyah Soder, G2a

Der Anti-Weltgeist

Als Schüler in Davos erfahre ich das WEF hautnah und habe demnach auch zu berichten, wie ich es in meinem alltäglichen Leben wahrnehme. Meine Reflexionen werden zudem meine eigenen Meinungen über das WEF, und auch wie es im Zusammenhang mit der globalen Politik und Wirtschaft anzusehen ist, beinhalten. Aber vorab: Was ist das Weltwirtschaftsforum überhaupt? Das WEF ist ein jährliches Treffen von wirtschaftlichen Eliten. Konzernbesitzer, CEOs, Finanzminister und einige Staatsoberhäupter treffen sich in der Bündner Ortschaft Davos, um sich über globale Probleme auszutauschen, Geschäfte abzuschließen und ihre eigenen Interessen zu fördern. Gegründet wurde das Forum von Klaus Schwab. Was mich am meisten am WEF beeindruckt, ist, wie sich die Stadt Davos innert einer Woche von einer kleinen, netten und sportlichen Stadt zu einer gefühlten Großstadt verwandelt. Überall werben Konzerne, berichten Fernsehkanäle und laufen Leute im Anzug herum. Aber ich bin der konsumistischen und dekadenten Ästhetik, die in Davos herrscht, nicht gewachsen. Was ich am meisten an dieser temporären Großstadtkultur verabscheue, ist der Widerspruch zwischen der Erscheinung, dass sich etwas Großes und Wichtiges tut, und der persönlichen Überzeugung, dass sich das WEF nicht seinem Motto ("improving the state of the world") treu ist. In der Tat finde ich, dass das WEF nicht die richtige Institution ist, um die heutigen tiefgreifenden Probleme zu bewältigen. Ein Blick auf die letzten paar Jahrzehnte zeigt, dass sich die Klimakrise stets verschlimmert und dass Vermögensunterschiede stets zunehmen. Das, obwohl die Klimakrise das Thema des letzten WEFs war. Das hinterlässt den Eindruck, dass das WEF neutrale Probleme, zum Beispiel die Klimakrise, bloß als eine Maske aufsetzt, das heißt als eine Ablenkung von ihren wirklichen plutokratischen Zielen, was viele Kritiker dem WEF vorwerfen. Naomi Klein, eine kanadische politische Philosophin, argumentiert, dass das WEF den Eindruck schafft, dass die wirtschaftliche Elite ihre Gier beiseite legen und globale Probleme in Angriff nehmen will. Das hat gemäß Klein zur Folge, dass die Regierungen die Stimmen nicht hören werden, die die Staaten auffordern, große Konzerne für die Klimakrise (zum Beispiel) verantwortlich zu machen. Es gibt durchaus eine Ironie in der Tatsache, dass Magnaten und Staatsoberhäupter in Davos über die Klimakrise oder Armut reden, während dieselben jedes Jahr von deren Folgen profitieren. Diese Überlegungen erzeugen in mir ein gewisses Gefühl der Entfremdung. Das WEF ist ein großes Spektakel, doch ich finde, dass es als plutokratisches Projekt ein Instrument des Neoliberalismus darstellt und deshalb den Status quo nicht ändert. Das WEF hat deshalb offensichtlich keine Chance, die ausbeuterische Natur des Kapitalismus, gegen Mensch und Natur, zu bewältigen. Weil es genau in diesem kapitalistischen System agiert. Ein weiterer eindrücklicher Aspekt des WEFs ist seine Internationalität. Das ist freilich sehr interessant, man sieht Leute und Erfindungen aus der ganzen Welt. Vorletztes Jahr habe ich beispielsweise eine Ausstellung eines Quantencomputers gesehen. Man verbindet diese internationale Atmosphäre gerne mit Davos im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Thomas Mann war ein prominenter Besucher, Heidegger und Cassirer hielten eine einflussreiche Debatte im Hotel Belvedere ab und es gab sogar Pläne, eine internationale Universität in Davos zu gründen. Die Internationalität ist sicher eine erfreuliche Wahrnehmung während des WEFs. Doch andererseits wirkt diese internationale und kosmopolitische Natur des Forums auch befremdend auf mich. So wurde ein Neologismus erschaffen, um Gruppen wirtschaftlicher Eliten, die in einem globalen Rahmen agieren und keine nationale Treue aufweisen, zu bezeichnen: "Davos Man". Ein "Davos Man" gibt den Eindruck einer losgelösten Elite, die nicht viel mit den gewöhnlichen Menschen gemeinsam hat. Ferner sind solche Gruppen mit grässlichen ökonomisch-globalistischen Plänen oder mit Versuchen, internationale und demokratische Institutionen zu privatisieren, zu verbinden. Die Teilnehmer des WEFs scheinen mir also wie eine separate Klasse, was eben das Gefühl der Entfremdung schafft. Um meine Wahrnehmung des WEFs auf einen Punkt zu bringen, verknüpfe ich es mit G.W.F. Hegels Begegnung mit Napoleon: Hegel sah Napoleon als den "Weltgeist", der die Menschheit von einem alten, dekadenten System in eine neue Ära führt. Deshalb schaute er mit Begeisterung zu, als der Feldherr auf seinem Pferd durch die Straßen Jenas ritt. Wenn das WEF nach Davos kommt, nehme ich es als "Anti-Weltgeist" wahr. Ich nehme es als ein Wesen wahr, welches nicht die Menschheit in eine neue Ära führt, sondern als Symbol der gegenwärtigen, dekadenten Ära. Daraus ergibt sich für mich eine prinzipielle und persönliche Distanz, ein Moment der Entfremdung. Siro Caruso, G5b

Es ist wieder so weit!

Jetzt ist es wieder so weit. Die Elite dieser Welt trifft mit 1500 Privatjets in Davos ein, wo sie darüber diskutieren will, wie man den ökologischen Fußabdruck der Menschheit minimiert. Die Reichsten der Reichen, die die tiefsten Steuern zahlen, versammeln sich, erpicht darauf, die wirtschaftliche Ungleichheit der Menschheit aufzulösen. Die obersten ein Prozent stellen sicher, dass sie jedes Jahr unter den obersten ein Prozent bleiben. Dies ist ein Treffen der Gleichberechtigung, aber nur Gleichberechtigte sind anwesend. Gigantische, weltverändernde Pläne, große Töne, doch Ergebnisse? Klaus Schwab läuft bestimmt schon nervös und schweißgebadet in seiner Villa in Genf auf und ab, in seinem Kopf die Rede, in welcher er die Menschheit mit seinen brillanten Zukunftsideen, die Welt zu verändern, zu blenden plant. Diese hat sich in den letzten Jahren auch weitgehend verändert, doch wieviel der WEF-CEO dazu beigetragen hat, bleibt fraglich. In seinem vielversprechenden, polarisierenden Buch "Covid-19: The Great Reset" schreibt er über die gravierendsten Probleme der Welt und deren Rettung. Die Welt vor und nach Covid sei eine andere. Er möchte die Steuerpolitik, Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung verbessern, doch dies soll mit einer globalen Ordnungspolitik geschehen. Die vereinte, sich liebende Welt soll zusammenarbeiten und gemeinsam alle noch so tief verankerten Probleme beseitigen. Doch selbst wenn nur zwei Personen sich einigen müssen, treten doch schon Komplikationen auf. Dann ist es doch in keiner Hinsicht utopisch zu denken, dass sich die ganze Welt auf einen Neustart des Kapitalismus einigt, nicht? Wer auf jeden Fall nicht so denkt, sind die jährlichen Anti-WEF-Demonstranten, die sich mit polarisierenden Bannern durch die aus dem Boden gestampfte, neu verkleidete Promenade schlängeln und Parolen rufen. Durch die Promenade, aus der beinahe alle Läden und Lokale mit ihren hundert Kartonschachteln für die folgenden Tage verschwunden sind, die Räume ans WEF vermietet. Übel zu nehmen ist es ihnen nicht, denn der dabei herausspringende Gewinn hält sie am Leben. Ohne das WEF mit seinem netten Nebeneffekt würden kleinere Läden, wie beispielsweise die Buchhandlung "Schuler Bücher", nicht überleben. Die schwindelerregend hohen Mieten vertreiben immer mehr Läden aus dem Landwassertal. Neben den in WEF-Lokalitäten verzauberten Läden sieht man nun, an jeder Ecke, Militär- und Polizeileute in ihren Uniformen, müden Blicks und Hand am Gewehr. Das WEF, der einzige Grund, weshalb die Schweiz noch eine Armee hat? Würde man einen Überfall planen wollen, sollte man diesen bestenfalls während des WEF wagen, denn das ganze Sicherheitspersonal wird in Davos stecken. Erneut wird also viel diskutiert und geplant werden, ein weiteres Mal wird die Elite versuchen, die Welt zu retten, und wieder wird man über die Paradoxien hinwegsehen und warten, bis der Spuk ein Ende genommen hat. Die Fassaden werden wieder abgerissen werden, die Läden mit ihren hundert Kartons wieder kommen und sich einrichten und alles wird wieder zum Alten zurückkehren.