Masih Alinejad ist nicht zum ersten Mal Gast beim World Economic Forum in Davos. Die Botschaft der im Exil lebenden iranischen Autorin und Frauenrechtlerin ist gleich geblieben: Der Westen müsse "maximalen Druck" auf das Regime in Teheran ausüben und die Menschen im Iran im Freiheitskampf unterstützen.

"Wiener Zeitung": Die Bevölkerung des Iran hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, das Mullah-Regime zu stürzen. Nach den Präsidentenwahlen von 2009 verlangten die Menschen die Absetzung von Mahmud Ahmadinejad, der - so die Demonstranten damals - nach gefälschten Wahlen an die Macht gekommen war.

Masih Alinejad: Diesmal ist es anders, breiter, nachdrücklicher, entschlossener. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Islamischen Republik, dass Frauen ihr Kopftuch verbrennen. Das Kopftuch ist für Frauen im Iran nicht einfach ein kleines Stück Stoff. Der Kopftuchzwang ist eine der Säulen der religiösen Diktatur in der Islamischen Republik. Für mich ist das Kopftuch eines der sichtbarsten Symbole der Unterdrückung der Menschen im Iran. Das ist unsere iranische Berliner Mauer, die uns daran erinnert, wo und wie wir leben. Wenn es uns nun gelingt, diese iranische Version der Berliner Mauer niederzureißen, dann hört auch die Islamische Republik auf zu existieren. Und das ist dann völlig neuer Moment in der Geschichte der islamischen Republik, den wir bei den Protesten der Grünen Welle im Jahr 2009 nicht beobachten konnten. Damals schon gab es massive Proteste der Bevölkerung, aber damals ging es ganz eindeutig darum, gegen die flagrante Wahlfälschung zu protestieren und eine Annullierung dieser gefakten Wahlen zu verlangen. 2019 gab es wieder schwere Proteste, aber in diesem Jahr protestierten die Menschen gegen die verheerende wirtschaftliche Situation im Lande.

Und dieses Mal?

Dieses Mal gibt es ein ganzes Bündel von Gründen für den Protest. Klar ist aber: Die Menschen wollen sich aus dem Joch der religiösen Diktatur der Mullahs befreien. Und dieses Mal sehen wir auch einen bisher unbekannten Grad an Einigkeit. Einigkeit zwischen Männern und Frauen. Einigkeit zwischen der Opposition, die im Land arbeitet, und der Opposition im Exil. Einigkeit zwischen den unterschiedlichsten ethnischen Gruppen des Landes - vergessen Sie nicht, dass die Kurden eine ganz wichtige Säule des Protests darstellen. Aber nicht nur sie: Die Balujis, turkmenische, azerische und arabische Iraner - sie alle sind heute geeint. Wann gab es das jemals zuvor, dass bekannte Schauspielerinnen aus Protest ihr Kopftuch heruntergenommen haben? Und daher spreche ich nicht mehr länger von Protest, sondern wir erleben nichts weniger als den Beginn einer Revolution. Das ist der Anfang vom Ende des Regimes.

Fürchten Sie nicht, dass die Proteste einfach wie in der Vergangenheit brutal niedergeschlagen werden?

Das versucht das Regime ja bereits. Der Level an Brutalität ist schockierend. Frauen werden im Gefängnis vergewaltigt. Männer werden hingerichtet, weil sie ihren Schwestern bei den Protesten zur Seite stehen. Aber je mehr Menschen das Mullah-Regime hinrichtet, desto entschlossener werden die Iranerinnen und Iraner. Die Angehörigen der Menschen, die hingerichtet wurden, machen aus den Gräbern am Friedhof neue Orte des Protests.

Die Opfer der Repression des Regimes: In Paris ausgestellte Plakate von Todesopfern.  
- © AFP / Julien de Rosa

Die Opfer der Repression des Regimes: In Paris ausgestellte Plakate von Todesopfern. 

- © AFP / Julien de Rosa

Die polnische Reporterlegende Ryszard Kapuscinski schrieb in seinem Buch über die Islamische Revolution "Schah in Schah" über den Schlüsselzeitpunkt, an dem sich 1979 alles entschied. Das sei jener Zeitpunkt gewesen, schreibt Kapuscinski, an dem die Menschen ihre Angst verloren haben. Die Frage lautet nun: Haben die Menschen im Iran ihre Angst verloren?

Die Menschen sind heute furchtlos. 40 Jahre lang hat es das Regime geschafft, die Angst in unsere Köpfe zu pflanzen. Und jetzt? Jetzt ist das Regime in Furcht vor Teenagern. Vor Schülerinnen. Vor Hausfrauen. In Margaret Atwoods Buch "Der Report der Magd" gibt es eine berühmte Szene: Offred, die Hauptprotagonistin sagt: "Wenn ihr nicht wollt, dass wir wie eine Armee gegen euch stehen, dann hättet ihr uns nicht in dieselbe Uniform stecken sollen." Vielleicht kennen Sie das: Im Roman müssen alle Frauen sich kleiden wie Hausmädchen im 19. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert zwingen die Mullahs uns immer noch das Kopftuch auf und das wurde nun zum Symbol des Kampfes gegen die Mullahs. Diese Frauen im Widerstand sind wie Rosa Parks in der US-Bürgerrechtsbewegung, wie die Suffragetten, die in Europa ihr Wahlrecht erkämpften. Sie sind absolut furchtlos. Nun sind es die Mullahs, die Angst haben. Ich erzähle Ihnen folgende Geschichte: Vor vier Jahren habe ich Todesdrohungen behalten. Ich ging zur iranischen Vertretung in Washington, um eine offizielle Beschwerde gegen die Basij, die mich bedrohten, einzureichen. Dort sagten sie zu mir: Setzen Sie sich ein Kopftuch auf, dann kommen Sie wieder. Sage ich: "Den Teufel werde ich tun. Ich bekomme Drohungen, weil ich mich gegen das Kopftuch ausspreche. Und Sie verlangen von mir, dass ich Ihr Kopftuch aufsetze?" Wissen Sie, was dann passiert ist? Die Leute in der diplomatischen Vertretung haben die US-Sicherheitskräfte angerufen und ihnen gesagt, sie sollen mich verhaften. 40 Jahre lang brüllen sie: "Marg bar Amrika! Tod Amerika!" Sie bezeichnen Amerika als den "großen Satan". Und dann rufen sie den "großen Satan" gegen eine zierliche Frau ohne Kopftuch zur Hilfe! Lächerlich. Das Regime der Islamischen Republik ruht auf drei Säulen: "Marg bar Amrika! Tod Amerika!" "Marg bar Israel! Tod Israel!" Die dritte Säule ist Unterdrückung der Frauen. Das verpflichtende Tragen des Kopftuchs. Ich glaube nicht, dass Irans Machthaber vor den USA oder vor Israel Angst haben. Aber sie haben Angst vor den eigenen Frauen. Für sie sind wir der größte Feind.

Sie erhielten Todesdrohungen. Ein Mordkomplott gegen Sie wurde aufgedeckt. Man wollte Sie kidnappen. Haben Sie denn keine Angst?

Im Ernst: Ich habe keine Angst davor, mein Leben zu verlieren. Mein Leben ist ohnehin auf den Kopf gestellt: Ich bin weg von meinen Kindern, ich habe mein Haus verloren, ich musste an verschiedenen Orten Zuflucht suchen. Aber im Iran sind die Frauen damit konfrontiert, dass man mit Waffengewalt gegen sie vorgeht, das Regime lässt auf sie schießen. Die Teenager, die Mütter im Iran sind noch viel schlimmer bedroht als ich. Nein, ich fürchte nicht um mein Leben, ich fürchte um das Leben der Menschen im Iran.

Wie soll ein Sturz des Regimes gelingen, wenn es keine alternativen Führungsfiguren gibt?

Immer wieder lese ich die herzzerreißenden letzten Nachrichten der Hingerichteten. Zuletzt las ich: Ich werde es nicht mehr nach Hause schaffen. Aber in unserem Zuhause wird man sich eines Tages an der Freiheit erfreuen können. Sind denn Leute, die so etwas schreiben, keine Führungsfiguren? Jeder Einzelne von ihnen ist ein Idol der Freiheit. In einer späteren Phase dieser Revolution werden sich Führungsfiguren herauskristallisieren. Man muss nur die Türen der Gefängnisse aufstoßen: Dort sitzen hunderte von Intellektuellen, von klugen, weisen Menschen, die das Land besser regieren können als diese zurückgebliebenen, hinterwäldlerischen Mullahs.

Wie denken Sie darüber, dass nun, im Kontext des Ukrainer-Krieges, eine neue Achse zwischen Teheran und Moskau entsteht?

Meine Freunde Garri Kasparow, Leopoldo López Mendoza und ich haben eine neue Initiative ins Leben gerufen: den World Liberty Congress - den Weltfreiheitskongress. Die Diktatoren Russlands, Chinas, Venezuelas, Simbabwes und des Iran sind geeinter als die Kämpfer für die Freiheit und die Vertreter der Demokratie. Wir sagen: Die Zeit ist gekommen, dass wir geeint auftreten und uns gemeinsam gegen die Diktatoren stellen. Die Islamische Republik schickt Wladimir Putin Drohnen, mit denen er unschuldige Menschen in der Ukraine tötet. Der venezolanische Diktator Nicolás Maduro zeigt dem iranischen Diktator Chamenei, wie man Menschen unterdrückt. Mit China ist es nicht anders. Diktatoren helfen einander, unterstützen einander, sie lernen voneinander. Was ich verlange: Die Staats- und Regierungschefs der G7-Nationen müssen im Kampf gegen Diktatoren genauso geeint sein. Sie müssen sich gegen Chamenei und seine Killer-Bande genauso entschlossen entgegenstellen, wie sie sich gegen Putin gestellt haben.

Wann glauben Sie, dass Sie zurückkehren können?

Mein Traum ist es, schon morgen in den Iran zurückzukehren. Das iranische Regime hat mir alles genommen. Meine Heimat, mein Haus, meine Familie, meine Freunde. Aber sie können mir nicht die Hoffnung nehmen. Deshalb glaube ich, dass das Ende der Islamischen Republik gekommen ist. Eines Tages werden wir uns aus dem Joch dieses Regimes befreien können. Ich denke, dass die Regierungen der Welt sich auf eine Welt ohne die Islamische Republik vorbereiten sollten. Wenn der Tag gekommen ist, dann lade ich Sie in den Iran ein, damit Sie mein wunderschönes Land wiedersehen. Ich freue mich auf ein Land, in dem die Menschen nicht einfach wegen ihrer Weltanschauung ermordet werden. Ein Land, in dem Frauen sich frei und gleichberechtigt bewegen können. Ein Land, in dem die Frauen den Wind in ihrem Haar spüren dürfen. Ein Land, in dem Frauen auch Führungspositionen innehaben können. Ein Land, in dem sie singen und tanzen und Freude haben können. Ein Land, in dem Angehörige aller Religionen Meinungs- und Religionsfreiheit haben können. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?