Kabul. US-General David Petraeus hat am Montag das Oberkommando über Afghanistan an seinen Nachfolger John Allen übergeben. Der betritt einen Kriegsschauplatz, der von Tag zu Tag mehr Gefahren zu bergen scheint. Nur Stunden zuvor war in der Hauptstadt Kabul ein enger Vertrauter des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai in seinem Haus ermordet worden.

Der Wechsel an der Kommandospitze der Nato wird tatsächlich von spektakulären Anschlägen auf wichtige Alliierte des Westens überschattet. Es stellt sich die Frage, ob sich die vom Westen gestützte Karzai-Regierung weiter halten kann. In dieser Woche geht auch die Sicherheitsverantwortung für sieben Provinzen in Afghanistan von der Nato auf die afghanischen Kräfte über. Die Übergabe gilt als erster Test: Bis 2014 sollen die Nato-Truppen Afghanistan verlassen haben.

Der charismatische Petraeus hatte erst im letzten Jahr das Oberkommando über Afghanistan übernommen. Als Ausnahmetalent und Mann für hoffnungslose Fälle sollte er den Durchbruch im über zehn Jahre währenden Krieg schaffen. Petraeus geht nun in die USA zurück, um die Leitung der CIA zu übernehmen. Der Vier-Sterne-General gilt als Architekt der Anti-Aufstands-Strategie, die durch Schutz der Zivilbevölkerung und gezielte Angriffe auf die Taliban Frieden ins Land bringen sollte.

Diese Strategie soll die Wende im Irak-Krieg gebracht haben. Mit einem Aufgebot von über 33.000 zusätzlichen Soldaten hatte Petraeus versucht, besonders die Aufständischen im Süden Afghanistans zu schwächen. Es ist unklar, wieweit sein Kalkül aufgegangen ist. Die Nato erklärt, dass viele Gebiete, die zuvor völlig unter der Kontrolle der Taliban waren, inzwischen sicherer geworden sind. Dem widerspricht die Einschätzung der Vereinten Nationen, die in den ersten sechs Monaten des Jahres eine deutliche Zunahme von Gewalt und zivilen Opfern registrierten.

"Harte Tage vor uns"

Petraeus-Nachfolger Allen erklärte, er wolle "die Dynamik der Kampagne erhalten". "Es liegen harte Tage vor uns", sagte der neue Nato-Oberkommandierende während einer Zeremonie in Kabul. Nur Stunden zuvor war ein enger Vertrauter von Afghanistans Präsident Karzai in seinem Haus in Kabul getötet worden. Jan Mohammed Khan galt ein wichtiger Verbündeter. Als Kriegsfürst und Schattengouverneur der Provinz Uruzgan führte er eine berüchtigte Privat-Miliz, die in der Region das Sagen hatte. Die Taliban bekannten sich zu dem Mord an Khan. In der vergangenen Woche war der Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Wali Karzai, in seinem Haus in Kandahar ermordet worden. Ahmed Wali galt mit seiner Privat-Armee "Kandahar Strike Force" und seinem nicht unerheblichen Vermögen ebenfalls als wichtige Stütze für Karzais Regierung. Die Taliban wollen auch ihn umgebracht haben. Unklar ist, wie Karzai ohne die Unterstützung von zwei derart wichtigen Alliierten seine Macht erhalten kann.

Die Nato hatte am Sonntag die Kontrolle über die erste Provinz in Afghanistan in die Hände der afghanischen Armee und Polizei übergeben. Das zentralafghanische Bamiyan ist die erste von sieben Provinzen, in denen die Nato 2011 die Verantwortung für die Sicherheit abtritt. Sie gilt als eine der sichersten Regionen des von jahrzehntelangem Krieg und Aufstand erschütterten Landes.

Bisher hatte das neuseeländische Militär für die Sicherheit in Bamiyan gesorgt. Neuseeland hat hier 140 Soldaten stationiert. Das Land ist eine der 52 Nationen, die an der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan beteiligt sind. Die Soldaten werden weiter vor Ort bleiben, jedoch ab nun der afghanischen Kontrolle unterstellt sein.

Zwar ist Bamiyan einer der friedlichsten Orte in Afghanistan, doch seit 2008 ist auch dort Aufstand und Krieg spürbar. Die Straße von Kabul nach Bamiyan gilt inzwischen als riskant: Die Gefahr von Bodenminen, Überfällen und Entführungen wächst. Im August 2010 starb ein neuseeländischer Soldat bei einem Anschlag während einer Patrouillenfahrt, zwei weitere wurden verwundet.