Washington. (rs) Noch wird emsig geschuftet. Zwischen den hunderten frisch gepflanzten Bäumen stapeln sich Maschinen und Baumaterialien, ganze Kolonnen von Arbeitern baggern, schleifen und bohren allerortens. In knapp vier Wochen soll hier an der Südspitze Manhattans allerdings Ruhe einkehren. Dann nämlich wird US-Präsident Barack Obama an jenem Ort, an dem vor zehn Jahren die Zwillingstürme des World Trade Centers in sich zusammensackten, die 700 Million teure Gedenkstätte eröffnen, die an die mehr als 3000 Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnern soll.

Der Andrang wird dabei gewaltig sein. Bereits jetzt wurden auf der Internetseite des 9/11-Memorials schon mehr als eine halbe Million Gratis-Tickets reserviert. Gigantisch wird allerdings auch das Sicherheitsaufgebot rund um die Feierlichkeiten des Jahrestages sein. Zehntausende Polizisten werden ebenso im Einsatz sein wie Spezialeinheiten des Militärs und Abfangjäger der Luftwaffe. Die größte Bedrohung wird allerdings nicht in einer koordinierten Aktion nach dem Vorbild der Anschläge von vor zehn Jahren gesehen. Wesentlich stärker sei derzeit wohl die Gefahr eines Attentats durch einen Einzeltäter, sagte Obama am Mittwoch in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN. Ein "einsamer Wolf" könne mit einer einzigen Waffe einen verheerenden Anschlag durchführen, erklärte der Präsident mit dem Verweis auf die Attentate in Norwegen. Auch wenn die Behörden wachsam seien und mögliche Risiken überprüfen würden, lasse sich eine solche Person, die von einer Ideologie des Hasses getrieben sei, nur schwer aufspüren.

Die Al-Kaida selbst ist laut Obama inzwischen eine viel schwächere Organisation als noch vor zwei, drei Jahren. In den vergangenen zehn Jahren habe man im Kampf gegen die islamistische Terrororganisation "außerordentliche Fortschritte" erzielt, sagte der Präsident. Erst Anfang Mai war der damalige Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden von US-Spezialkräften in Pakistan getötet worden.

Zu einer ähnlichen Einschätzung wie Obama kommt auch der renommierte deutsche Terrorexperte Rolf Tophoven. "Al-Kaida war in den vergangenen zehn Jahren nicht in der Lage, die verheerenden Anschläge vom 11. September 2001 militärisch zu übertreffen", sagt der Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik. "Aber Al-Kaida ist es in dieser Zeit sehr wohl gelungen, die Idee des ,Heiligen Krieges gegen die Ungläubigen’ in viele Köpfe einzupflanzen."

Tophovens Einschätzung nach haben sich im vergangenen Jahrzehnt regional und national metastasenartig Terrorzellen gebildet, die unabhängig von der ehemals hierarchisch strukturierten Al-Kaida operieren, sich aber der Idee des Jihad verpflichtet fühlen. Diese radikalisierten Einzelgänger kommen Tophoven zufolge oft aus der Mitte der Gesellschaft und sind den Sicherheitsbehörden unbekannt. Oft handelt es sich bei den Einzeltätern auch um sogenannte "home-grown terrorists", die in jenem Land aufgewachsen sind, auf das ihre terroristischen Aktivitäten zielen.

Bei der Radikalisierung dieser einsamen Wölfe spielt das Internet laut Tophoven eine zentrale Rolle. "Für Islamisten ist das Netz heute das Rekrutierungsmedium schlechthin." Dabei gehen die Terrorwerber Tophoven zufolge sehr geschickt vor - auch durch eine gezielte Ansprache von Konvertiten. Besonders attraktiv für die Drahtzieher des Jihad seien Muslime mit einem Pass des potenziellen Anschlagslandes und einer instabilen Persönlichkeitsstruktur. Diese sind laut Tophoven "mit der westlichen Gesellschaft vertraut und zugleich auf der Suche nach persönlicher Orientierung für islamistisches Gedankengut empfänglich".