London/Wien. In den arabischen Ländern werden jugendliche Demonstranten wie Helden gefeiert, in Spanien und Griechenland machen sie auf fehlende Jobperspektiven und fehlgeleitete Sparpolitik aufmerksam - und ernten zumindest Verständnis. Die Briten sind unterdessen mit einer völlig anderen Situation konfrontiert. Jugendliche veranstalten in London und nordenglischen Industriestädten Krawalle, Häusergehen in Flammen auf, Geschäfte werden leergeräumt. Die Teile der britische Bevölkerung, die zunächst noch Verständnis für die Rebellion äußerten, wandte sich sehr schnell von den Gewalttätern ab. Premier David Cameron droht den Krawallmachern mit der vollen Härte des Gesetzes, britische Gerichte sind Tag und Nacht mit der Aburteilung der Randalierer beschäftigt.

Der renommierte deutsche Soziologe Simon Teune analysiert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die Ursachen zwischen den völlig unterschiedlichen Protestformen. Warum kam es in England zu gewalttätiger Sprachlosigkeit, im Rest Europas und in den arabischen Ländern aber zu artikuliertem Protest ?

"Enttäuschte Illusion"


Die Jugendlichen in den englischen Problemvierteln, so Teune, fühlten sich "ganz grundsätzlich abgehängt und ausgegrenzt". Sie seien bereits in eine unterprivilegierte Situation hineingeboren und seitdem tagtäglich mit Diskriminierung konfrontiert. Das beginne schon bei desolaten Wohnverhältnissen. Oft würden vier bis sechs Personen in Zwei-Zimmer-Wohnungen leben, der Weg der Kinder auf die Straße sei vorgezeichnet. Denn "dort suchen die Jungen eine gleichaltrige Bezugsgruppe". Benachteiligung im Bildungsbereich würde zu verminderten Lebenschancen und schlechten Jobs führen. "Zwar ist in Großbritannien die Jugendarbeitslosigkeit nicht so hoch wie in anderen Ländern. Die Leute haben Jobs, aber keine Aufstiegsmöglichkeiten".

Dazu komme, dass in Großbritannien jeder, der im Land geboren sei, als integrierter Bestandteil der Gesellschaft gesehen werde - vordergründig. Das Versprechen werde in der Realität nämlich nicht eingehalten. Als Grundstimmung sei deshalb "latente Aggression und Unzufriedenheit" feststellbar, es genüge ein einziger Anlass wie Polizeigewalt, um das Pulverfass zum Explodieren zu bringen. "Der Angriff auf ein Individuum wird als Angriff auf die ganze Gruppe gesehen", so der Experte.

Der Staat, so Teune, werde in den englischen Unterschichten-Bezirken nur als polizeiliche Gewalt wahrgenommen. "An die Politik haben diese Menschen keine Erwartungen. Politischer Protest macht also gar keinen Sinn." Eine friedliche Demonstration gehöre nicht zum erlernten Repertoire, meint der Soziologe.

Die sozial Deklassierten in London und den nordenglischen Industriestädten hätten sich zudem - so die These Teunes - bei den Krawallen erstmals als aktive Akteure erlebt. "Sie haben die Situation genutzt, um den Takt anzugeben, sich als selbst Handelnde zu erleben." Damit einher gehe ein Gefühl der Befriedigung.

Die Wurzeln der derzeitigen englischen Krawalle reichen für Teune weit in die Vergangenheit zurück. Unter Ex-Premier Margret Thatcher, der "Iron Lady", habe es in den 80er-Jahren starke gesellschaftliche Entsolidarisierungstendenzen gegeben: "Die Menschen fühlten sich nicht mehr aufgehoben und vom Sozialstaat aufgefangen." Das rigorose Sparprogramm der Regierung David Cameron verschärfe die Situation zusätzlich. Britische Studenten hätten bereits vehement und zum Teil auch gewalttätig gegen die massive Anhebung der Studiengebühren demonstriert.

In der "Null-Toleranz"-Strategie, die vom britischen Premier David Cameron derzeit angewandt wird, sieht Teune nur einen sehr kurzfristigen Lösungsansatz. "Das macht dann Sinn, wenn später politische Maßnahmen folgen. Sonst ändert sich nichts." Der Soziologe verweist in diesem Zusammenhang auf Frankreich, wo im Jahr 2005 Nicolas Sarkozy als damaliger Innenminister kompromisslos gegen randalierende Jugendliche vorging. "An der Gesamtsituation hat sich aber nichts verändert", so Teune. Die soziale Ungleichheit, würde dort weiterhin existieren, das sei der "Humus" für weitere Ausschreitungen.

"Eltern überfordert"



Dazu kommt, dass Jugendliche in den englischen Problemgegenden häufig mit einer schwierigen familiären Situation konfrontiert sind. "Die Eltern sind überfordert, die Kinder und Jugendlichen werden allein gelassen", so die Jugendpsychologin und Gerichtssachverständige Barbara Khalili-Langer. "Oft werden die Kinder geschlagen, das hat Vorbildwirkung", meint Khalili-Langer über die Faktoren, die jugendliche Gewalt begünstigen. Sie weist darauf hin, dass diese Probleme nicht auf unterprivilegierte Familien beschränkt sind - viele der englischen Randalierer stammen tatsächlich nicht aus verarmtem Milieu. Wer in der Familie wenig Beachtung erfahre, der entwickle allgemein wenig Selbstbewusstsein - und neige dazu, sich Gruppen und Banden anzuschließen. "Da gibt es dann die Mitläufer, die Anerkennung in der Gruppe suchen", so die Psychologin.