Wien. "Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren - auf einem Planeten, der problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte", sagte unlängst der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, langjähriger Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung.

Deutlich mehr als die gegenwärtigen sieben Milliarden Erdbewohner zu ernähren, wäre für die nächsten 30 bis 40 Jahre kein Problem, bestätigt Markus Hofreither, Professor am Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur in Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die weltweite Nahrungsmittelproduktion pro Tag sei heute so hoch, dass theoretisch auf jeden Menschen über 4000 Kilokalorien entfallen würden. Faktum ist freilich, dass rund 925 Millionen Menschen hungern und oft deutlich von den nötigen rund 2100 Kilokalorien entfernt sind.

Neue Grüne Revolution?

"Die Mehrzahl der Hungernden lebt im ländlichen Raum und ist in der Landwirtschaft tätig, hauptsächlich in Afrika südlich der Sahara und in Asien", sagt Hofreither, es sind Gebiete, die oft von den eigenen Regierungen "links liegen gelassen" werden. Bedarf es einer neuen Grünen Revolution, wie sie vor etwa 50 Jahren durch die Entwicklung von Hochertragsgetreidesorten die Ernährungssituation vieler Menschen verbesserte?

"Ja", sagt Hofreither, "aber keine der Art, wie sie in den 1960er Jahren durchgeführt wurde. Sie hat ihre Meriten gehabt und in einigen Regionen gut funktioniert, doch erstens hat man nicht auf negative Effekte hinsichtlich Ökologie und sozialen Zusammenhang geachtet, und zweitens hat man sich auf ohnehin ressourcenreiche Regionen konzentriert. Unser Problem ist ja, dass der Hunger dort herrscht, wo die Ressourcen sehr karg sind."

Es gebe Länder in Afrika, wo die Produktivität in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten nicht gestiegen ist, weil Technologie und Infrastruktur nicht modernisiert wurden. Dort wäre nur ein kleiner Investitionsschub nötig. Man könnte diesen Ländern mit "simplen Mitteln" helfen, meint Hofreither. Hilfslieferungen seien nur in akuten Hungerkrisen wie in Somalia oder Darfur sinnvoll, "langfristig sind sie genau das Falsche, man muss die Menschen in die Situation versetzen, dass sie sich selber helfen." Vor allem gelte es aber auch Kriege und Konflikte - die Hauptursachen für Hunger und Armut - zu vermeiden, den Klimawandel zu bremsen und zu fairen Handelsabkommen mit den ärmeren Ländern zu kommen.

Hofreither plädiert dafür, "Entwicklungshilfegelder verstärkt in Form von Forschungsförderung zu vergeben, um standortangepasste Lösungen zu entwickeln oder zu adaptieren. Man braucht nur bestehendes Wissen dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird." Eine neue Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) besage: "Wenn wir in den nächsten 35 Jahren pro Jahr 0,5 Prozent des Welt-BIP in die Landwirtschaft investieren, bringen wir das Problem weg. Das sind keine riesigen Beträge: 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr."

Es gebe aber keine Patentlösung für alle Länder. Zum Beispiel sei für die einen die Züchtung von trockenheitsresistenten Sorten sinnvoll, für Bangladesch aber die von feuchtigkeitsresistenten Sorten, die auch wochenlange Überschwemmungen überstehen.

Man könne relativ einfach die geringen Erträge in Afrika, die nur 30 Prozent vom Weltdurchschnitt betragen und zu denen noch vermeidbare Nachernteverluste kommen, auf 40 oder 50 Prozent steigern. Hofreither: "Eine Ertragsteigerung um nur zehn Prozent verringert in diesen Ländern die Armut um sieben Prozent, das ist ein hochattraktiver Wert."