Tunis. Nach den bleiernen Jahren der Diktatur von Zine El Abidine Ben Ali stehen die Tunesier nun endlich vor freien Wahlen. Doch schwere Unruhen überschatten den Wahlkampfauftakt für den am 23. Oktober stattfindenden Urnengang zur konstituierenden Nationalversammlung. Nach Schießereien verhängten die Behörden nun auch über die Stadt Metlaoui eine Ausgangssperre, teilte das Innenministerium mit. Am Wochenende war es bereits in den Städten Sbeitla und Douz zu schweren Zusammenstößen zwischen verfeindeten Gruppen mit mehreren Toten gekommen.

Die Übergangsregierung sieht in den immer wieder aufflammenden Unruhen einen gesteuerten Destabilisierungsversuch. Den Unruhestiftern gehe es darum, die Wahlen zu torpedieren, hat Premier Beji Caid Essebsi kürzlich erklärt und eine "ausländische Mitwirkung" angedeutet, ohne dies näher zu erläutern.

Seit dem Sturz Ben Alis im Jänner haben sich etwa hundert Parteien gegründet. Die Generalsekretärin der säkularen Demokratischen Fortschrittspartei, Maya Jribi, erwartet, dass der Wahlkampf "sehr hart" sein werde. "Jede Stimme zählt", betonte sie. Die Meinungsumfragen führt die Islamisten-Partei Wiedererweckung an, deren Zustimmungsraten zwischen 15 und 20 Prozent liegen. Tunesiens Islamisten gelten als sehr gemäßigt.