Kabul. Einen Tag nach dem koordinierten Großangriff fundamentalistischer Taliban-Kämpfer auf das Diplomatenviertel im Zentrum Kabuls haben die Sicherheitskräfte die Lage wieder in den Griff bekommen. Fast 20 Stunden nach Beginn des Angriffs erklärte ein Sprecher des Innenministeriums, die Lage sei wieder unter Kontrolle. Insgesamt 15 afghanische Zivilisten und Polizisten seien getötet worden.

Die Gefechte endeten erst, als die beiden letzten, in einem mehrstöckigen Rohbau verschanzten Taliban-Kämpfer getötet wurden, sagte Innenministeriumssprecher Sediq Sediqqi (Siddiki). Die Islamisten hatten die Polizei seit Dienstagmittag in Atem gehalten und mehrere Botschaften mit Granaten beschossen, darunter auch die Vertretung der Vereinigten Staaten und das NATO-Hauptquartier. Nach Angaben Sidiqqis und eines Sprechers der NATO-Truppe ISAF wurden insgesamt elf afghanische Zivilisten getötet, unter ihnen auch drei Kinder. Nach Angaben der Polizei starben zudem vier afghanische Polizisten. Etwa 30 Menschen wurden verletzt, darunter auch ein afghanischer Wachmann vor der US-Botschaft sowie drei Menschen, die dort wegen Visa anstanden.

In dem Rohbau, der einige hundert Meter vom Hauptquartier der ISAF und der US-Botschaft entfernt liegt, wurden am Mittwoch in der Früh laut Polizei die Leichen der sechs Angreifer gefunden. Zwei weitere Taliban-Kämpfer wurden demnach in der Nähe von Polizeikasernen im Westen Kabuls erschossen, ein anderer auf der Straße zum Flughafen. Ein Taliban-Sprecher hatte am Dienstag in einem SMS an AFP erklärt, Ziel der "massiven Selbstmordangriffe" in der Hauptstadt seien Vertretungen afghanischer und ausländischer Geheimdienste.

Granaten in US-Botschaftsgebäude

Auf dem Gelände der US-Botschaft seien sechs Granaten gelandet, sagte US-Botschafter Ryan Crocker am Mittwoch. Dies sei aber "keine große Sache". Auch am NATO-Hauptquartier entstand nach ISAF-Angaben "geringer Schaden". Crocker machte das Haqqani-Netzwerk für die Angriffe verantwortlich. Die mit den Taliban verbündeten Aufständischen operieren aus dem Nachbarland Pakistan heraus; sie sollen auch für den Angriff auf ein Kabuler Luxushotel im Juni verantwortlich sein.

Die 20-stündige Aktion war der langwierigste und spektakulärste Angriff auf Kabul seit dem Sturz der Taliban vor zehn Jahren. Die Kämpfer hatten sich in einem 13-stöckigen Gebäude 800 Meter von der US-Botschaft entfernt verschanzt. Sie hatten sich offenbar als Frauen verkleidet. Die Extremisten hielten sich in Lüftungsschächten und kleinen Räumen vor Kampfhubschraubern versteckt. Normalerweise ist das Diplomatenviertel in Kabul mehrfach abgeriegelt. US-Experten vermuten, dass eine Sicherheitslücke bei afghanischen Behörden oder Fehler der Geheimdienste die Angreifer begünstigt hätten.

Die NATO will bis Ende 2014 ihre Kampftruppen aus Afghanistan abziehen und bis dahin die Sicherheitsverantwortung im ganzen Land an die afghanischen Behörden übergeben. Zuletzt konnten die Aufständischen aber immer wieder bis in die streng bewachte, bereits unter afghanischer Sicherheitsverantwortung stehende Hauptstadt Kabul hinein blutige Angriffe verüben. Erst Mitte August hatten sich Taliban-Kämpfer nach einem Angriff auf das britische Kulturzentrum ein stundenlanges Gefecht mit Sicherheitskräften geliefert; acht Menschen wurden getötet. Im Juni hatten die Aufständischen das ebenfalls streng bewachte Hotel Intercontinental gestürmt. Dabei starben 21 Menschen.