Washington.Längst beschränken sich die Proteste der "Occupy Wall Street"-Bewegung nicht mehr auf New York. Tausende Demonstranten machen in den Metropolen Washington, Los Angeles, Philadelphia und Houston auf sich aufmerksam, protestieren gegen Geldgier der Finanzhaie, die hohe Arbeitslosigkeit und die ungleiche Verteilung des Wohlstandes. Die Bewegung hat das ganze Land erfasst, auch im Mormonen-Staat Utah und in Städten wie Portland/Oregon, Nashville/Tennessee und Sacramento/Kalifornien gehen die Menschen auf die Straße. "Stoppt den Krieg gegen Arbeiter", "Besteuert die Reichen" und "Beendet die Kriege zu Hause und im Ausland" lauten die gängigsten Forderungen - die Zuspruch von unerwarteter Seite bekommen.

So äußerte der Regionalchef der US-Notenbank "Fed" im texanischen Dallas, Richard Fisher, "Verständnis" für die Anliegen. "Es gibt viele Menschen ohne Arbeit, wir haben eine sehr ungleiche Verteilung des Einkommens. Es gibt viele frustrierte Menschen, und ich kann ihre Frustration verstehen", so Fisher. Gedämpfter Beifall auch aus dem Weißen Haus: "Die Menschen sind enttäuscht und die Proteste drücken einen weiter gefassten Unmut über die Funktionsweise unseres Finanzsystems aus", sagte US-Präsident Obama. Er vergaß freilich nicht, die Wall Street prinzipiell in Schutz zu nehmen: Ein starker Finanzsektor sei notwendig, um den USA Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.

Zum Teil decken sich die Forderungen der Protestierenden mit denen Obamas. Auch der US-Präsident will die Reichen stärker besteuern, scheitert aber am Widerstand der Republikaner.

Antithese zur Tea Party

Obamas Strategen rechnen damit, dass die Protestbewegung dem Präsidenten bei den Wahlen 2012 nützen könnte. Die linken Demonstranten sparen zwar nicht mit Kritik an Obama, allerdings könnten sie ein Gegengewicht zur ultrakonservativen Tea Party darstellen, die sich nach dem Wahlsieg Obamas im Jahr 2008 gebildet hat und erfolgreich auf Stimmenfang geht.

Die Anti Wall Street-Bewegung umfasst Menschen mit unterschiedlichen Anliegen. Gewerkschafter, Umweltaktivisten und Leute mit sehr partikularen Interessen haben sich ihr angeschlossen. Bei den Republikanern ist man jedenfalls alarmiert. Herman Cain, der bei der Wahl 2012 gegen Obama antreten will, geißelt die Proteste als verfehlten Aktionismus. Man helfe den Armen nicht, indem man den Hass auf die Reichen schüre. Die Demonstranten sollten sich vielmehr an die Arbeit machen und selber reich werden.

Kritiker der Finanzmärkte in Deutschland wollen nun ebenfalls auf die Straße gehen. Von Attac organisierte Protestaktionen sind für kommenden Samstag in Berlin und Frankfurt geplant. Ein Unterstützer ist Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Auch der Ex-Chef der deutschen Linkspartei, Oskar Lafontaine, hat die Bürger aufgefordert, in der kommenden Woche gegen die Macht der Banken zu demonstrieren.