Tunis. (klh) Es waren die schlimmsten religiös motivierten Ausschreitungen in Tunis seit Jahren. Hunderte Islamisten lieferten sich in Tunesiens Hauptstadt Straßenschlachten mit der Polizei. Die vorwiegend jungen Demonstranten griffen die Polizei mit Steinen, Messern und Tränengas an, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Vor allem im Hinblick auf die am 23. Oktober angesetzte Wahl für eine Verfassungsgebende Versammlung sind die Ausschreitungen vom Sonntag ein beunruhigendes Zeichen.

Die Islamisten protestierten gegen das Verbot des Niqab - eines Schleiers, der das Gesicht bedeckt - an Universitäten. Zudem waren sie erzürnt, dass der TV-Sender Nessma den Film "Persepolis" ausstrahlte, der sich kritisch mit der islamischen Revolution im Iran Ende der 1970er Jahre auseinandersetzt. Der Film sei unislamisch, meinen die Radikalen.

Die Proteste spielten sich vor der Universität, in einem Arbeiterviertel und vor der Zentrale der TV-Anstalt ab. Die Demonstranten versuchten, das Gebäude des Senders in Brand zu setzen, was die Polizei verhindern konnte. Die Sicherheitskräfte nahmen rund 40 Personen fest.

Radikale sorgen ständig
für Ausschreitungen


Die Demonstranten werden den Salafisten zugerechnet, einer besonders radikalen islamistischen Splittergruppe. Diese soll finanzielle Unterstützung von Fundamentalisten aus den Golfstaaten erhalten. In den vergangenen Monaten sorgten die Salafisten immer wieder für Angriffe gegen - wie sie es ausdrücken - "unislamische Elemente". So versuchten die Radikalen, ein Kino zu stürmen, oder bedrohten Universitätsangestellte.

Die Proteste lassen nun die Nervosität steigen, dass vor der Wahl in zwei Wochen die Gewalt weiter eskaliert. Es gibt in Tunesien verschiedene Kräfte, die an einem demokratischen Wandel nicht interessiert sind. Dazu gehören nicht nur die Salafisten, sondern auch Kräfte des Regimes von Langzeitherrscher Zine el-Abidine Ben Ali, das Anfang des Jahres gestürzt wurde.

Favorit bei der ersten freien Wahl seit der Abdankung Ben Alis ist die islamistische An-Nahda-Partei. Die Demonstranten haben der An-Nahda aber keinesfalls einen Dienst erwiesen. Vielmehr schüren die gewalttätigen Proteste ohnehin schon vorhandene Ängste, dass dem Land, von dem der arabische Frühling ausging, ein religiöser Rechtsruck droht. Die jüngsten Ereignisse könnten den säkularen Kräften stärkeren Zulauf bei dem Votum bescheren.

Die An-Nahda verurteilte daher bereits die Ausschreitungen. Er sei zwar dagegen, die religiösen Gefühle von Menschen zu verletzen, erklärte der Funktionär Ali Larayad. "Das hindert uns aber nicht, völlig gegen Gewalt, in welcher Form auch immer, zu sein", betonte Larayad.

Die An-Nahda war in den vergangenen Monaten stets darum bemüht, ein moderates Bild von sich zu zeichnen. Die unter Ben Ali verfolgte Bewegung betonte immer wieder, dass sie eine Demokratie und keinen Gottesstaat mitgestalten will.