Wien. Bundespräsident Heinz Fischer befand sich am Donnerstag auf Staatsbesuch in Turkmenistan, das über riesige Gasvorkommen verfügt, ohne die die geplante Nabucco-Pipeline nicht rentabel wäre. Die "Wiener Zeitung" hat mit dem turkmenischen Regimekritiker Farid Tukhbatullin, der unter Polizeischutz in Wien lebt und Anschläge auf sein Leben fürchten muss, über die Situation in seinem Land gesprochen.

******

"Wiener Zeitung":Herr Tukhbatullin, Turkmenistan galt unter Ex-Präsident Saparmyrat Nijazow als Diktatur mit einem bizarren Personenkult. Mittlerweile sind zumindest einige der Goldstatuen mit dem Ex-Präsidenten verschwunden. Hat eine Öffnung stattgefunden?

Farid Tukhbatullin: Öffnung würde ich das nicht nennen. Für die Menschen im Land hat sich nur wenig geändert. Am ehesten noch für die Führung - aber nicht im Sinne von Reformen. Der Hauptunterschied ist ein gänzlich anderer: Nijazow ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Er hatte keine Verwandten, keine Familie, keinen Clan. Verwandte zu haben, bedeutet in Asien aber sehr viel. Man hängt von seiner Familie ab, sie steht einem bei, man selbst hat Anspruch auf Hilfe. Nijazow stand allein da.

Wie kam er dennoch zu solch einer starken Machtstellung?

Er scharte zunächst Leute um sich, die mit ihm seinen Aufstieg mitmachten. Als er diktatorische Vollmachten erlangt hatte, spielte Nijazow dann seine ehemaligen Mitstreiter gegeneinander aus, steckte viele von ihnen von heute auf morgen ins Gefängnis. Er hat es dabei ausgezeichnet verstanden, selbst die Fäden in der Hand zu behalten.

Und hat sich das System seit der Machtübernahme des jetzigen Präsidenten Gurbanguly Berdymuhammedow geändert?

Nicht im Sinne einer Öffnung. Berdymuhammedow ist schließlich in diesem System groß geworden. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Der jetzige Präsident hat im Gegensatz zu Nijazow Verwandte. Er hat auch eine Herkunft, eine Heimatregion. Er kann sich also auf einen loyalen Clan stützen, das konnte Nijazow nicht.

Ist man innerhalb des Clans denn immer loyal?

Zumindest hält man zusammen. Nijazow konnte von heute auf morgen Mitarbeiter, auch Minister, ins Gefängnis werfen lassen. Berdymuhammedow kann das nicht, denn dann würden sich seine Verwandten gegen ihn stellen. Er kann den unbotmäßigen Mitarbeiter aus dem Clan höchstens anderswohin versetzen. Das begrenzt sozusagen seine Macht.