"Wiener Zeitung":Erklären Sie ein wenig das Konzept des "buen vivir", für das Sie sich einsetzen.

Alberto Acosta: Es geht um die Glückseligkeit des Menschen. Wir wollen ein Leben aufbauen, das eine harmonische Beziehung der Menschen untereinander und mit der Natur anstrebt. Wenn wir so wie bisher weitermachen und den Wettbewerb unter den Menschen antreiben, den Wettbewerb unter Unternehmen, den Wettbewerb unter Nationen, ist das sehr gefährlich. Wir steuern auf einen kollektiven Selbstmord eines großen Teils der Menschheit zu.

Das ist doch alles ein bisschen theoretisch. Es gibt viele, denen es derweil gut geht, wie wollen Sie die von Ihrer Idee überzeugen?

Das Konzept ist mehr Praxis als Theorie. Es ist ein politischer Vorschlag. Ich bin auch nicht irgendein Hare-Krishna-Typ, der die Welt dadurch verändern will, dass er sich anders anzieht und durch die Straßen tanzt und singt. Es wird Klassenkampf geben und die Inhaber von Privilegien werden sich dagegen wehren, ihre Privilegien herzugeben. Praktisch leben indigene Völker in Lateinamerika bereits das "buen vivir". Die haben ihr Leben nicht gemäß der Logik des Kapitalismus organisiert. Die haben sich seit 500 Jahren der Eroberung sowie der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage und ihrer Spiritualität widersetzt. In zwei Ländern, in Bolivien und Ecuador, ist das Konzept des guten Lebens des sumak kawsay, wie es auf Ketschua heißt, in der Verfassung verankert worden. Das Konzept findet sich aber auch in der westlichen Kultur. Aristoteles hatte das Konzept des guten Lebens: Er hat gesagt, dass glücklich zu sein, das Wichtigste im Leben ist - nicht Macht oder Reichtum oder Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit. Es gibt auch orthodoxe Wirtschaftswissenschafter, die sich mit der Ökonomie der Glückseligkeit beschäftigen. In Bhutan wiederum richtet sich sogar die Staatspolitik nach dem Bruttoglücksprodukt.

Verliert das "buen vivir" nicht an Glaubwürdigkeit, wenn ausgerechnet in Bolivien, einem der beiden Vorreiterländer, sich die Indigenen wegen Wirtschaftsbelangen untereinander bekämpfen?

Das ist Teil des Problems. Es genügt nicht, das Konzept in die Verfassung zu schreiben und zu glauben, dass damit alles geregelt ist. Es reicht auch nicht aus der Logik des Kapitalismus auszubrechen und zu glauben, dass man dann an der nächsten Straßenecke Glückseligkeit finden wird. Die Idee birgt Konflikte. Es ist aber traurig zu sehen, dass Regierungen, die dieses Konzept unterstützt haben, nicht verstehen, was es bedeutet. Boliviens Präsident Evo Morales hat sich auf seine Fahnen geschrieben, die Indigenen zu repräsentieren. Jetzt unterdrückt er gewaltsam den Aufmarsch von ein paar Indios. Als er selbst noch solcher Aufmärsche organisiert hat, hat ihn niemand dermaßen unterdrückt.

Wenn nicht einmal ein konzeptafiner Mensch wie Morales die Idee befolgt, wie soll das dann bei anderen funktionieren?

Es zeigt, dass dieser Weg schwer sein wird. Aber die Idee greift um sich, auch in Europa wird sie diskutiert. Sie wird auf Universitäten gelehrt, es werden Doktorarbeiten dazu verfasst. Es bildet sich ein Bewusstsein, dass das, was wir in der Welt machen, so nicht weitergeht. Wir gelangen an die Grenzen des Wachstums, die Grenzen der Entwicklung, die Grenzen des Fortschritts.

Derzeit wollen Sie verhindern, dass im Nationalpark Yasuni Erdöl gefördert wird und dafür Geld von der Staatengemeinschaft - warum?

Es geht um einen finanziellen Beitrag auf Basis von Mitverantwortlichkeit. Die Erhaltung des Amazonas wäre ein Gewinn für die Menschheit. Es gibt dort eine unglaubliche Artenvielfalt. In einem Baum leben mehr Käferarten, als in ganz Europa. Auf einem Hektar gibt es mehr Baumarten als in ganz Nordamerika. Im ganzen Nationalpark gibt es mehr Frosch- und Krötenarten als auf der ganzen Welt. Indigene Stämme, die dort leben, würden sonst einfach verschwinden. Wir würden nicht nur zerstören. Wenn wir Erdöl fördern, kommt es auch noch zu einem Kohlendioxid-Ausstoß von mindestens 410 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Das kann sich die Menschheit ersparen. Anstatt zu versuchen, Abgase zu reduzieren, kann man sie hier verhindern und gleichzeitig die Natur schützen.