Jerusalem. Der Austausch von mehr als 1.000 palästinensischen Gefangenen für einen einzigen israelischen Soldaten sorgt im Nahen Osten vor allem bei den Kräften für Jubel, die Gewalt gegen Israel als richtiges Mittel ansehen. Der eher moderate palästinensische Präsident Mahmud Abbas steht deswegen unter Druck, seine Glaubwürdigkeit zu untermauern. Dies treibt ihn möglicherweise dazu, seinen Einsatz für eine UNO-Mitgliedschaft der Palästinenser eskalieren zu lassen. Dagegen erlaubt der ungleiche Austausch der radikalislamischen Hamas, sich eine Weile auf den Lorbeeren auszuruhen.

Im Austausch für den heute 25-jährigen Gilad Shalit sollen insgesamt 1.027 inhaftierte Palästinenser freikommen. Nach Angaben der Hamas wurden 300 von ihnen wegen Gewalttaten zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Zahl der freikommenden Gefangenen verdeutlicht, welche Zugeständnisse Israel macht: Im Jahr 2008 tauschten die Israelis noch fünf Libanesen gegen die Leichname von zwei israelischen Soldaten ein. Die Gegner von Abbas jubeln nun: Das Tauschgeschäft sei viel mehr als Abbas in seinen jahrelangen Verhandlungen mit Israel über die Gründung eines palästinensischen Staates erreicht habe.

Selbst Abbas' Verbündete befürchten, dass der bewaffnete Kampf gegen Israel wieder in den Vordergrund tritt - auf Kosten der gewaltfreien Strategie mit Verhandlungen und dem diplomatischen Vorstoß für eine breitere Anerkennung eines Palästinenserstaates. "Dieses Abkommen hat die öffentliche Position der Hamas und die Wahrnehmung des Widerstands eindeutig verbessert", sagte ein Mitglied der Abbas-Verwaltung. "Der Erfolg dieses Austausches sendet die falsche Botschaft an die Öffentlichkeit."

Die Friedensgespräche mit Israel sind in einer Sackgasse. Unterdessen werden jüdische Siedlungen im Westjordanland immer weiter auf Gebieten gebaut, die die Palästinenser als entscheidend für einen eigenen überlebensfähigen Staat ansehen. Applaus für das Tauschgeschäft kam auch von der im Libanon mitregierenden radikalislamischen Hisbollah: Der Austausch widerlege die "Wahnvorstellung" derer, die an Fortschritte durch Verhandlungen oder Bittschriften glaubten.

Das ist ein klarer Bezug auf den Antrag Abbas' bei der UNO. Nach seiner Darstellung wollte er damit die Stellung der Palästinenser vor weiteren Gesprächen mit Israel stärken.

Abbas' Vorstoß wurde zwar unter Palästinensern bejubelt. Doch ihre wirtschaftliche Lage verschlechterte sich zunächst deutlich: So stoppten die USA ihre Finanzhilfen, die die palästinensische Wirtschaft in den vergangenen Jahren über Wasser hielten. "Abbas machte den friedlichsten Schritt, den man sich vorstellen kann: Er ging zu den Vereinten Nationen. Und er bekam trotzdem diese brutale politische Antwort von Israel und den USA", kritisierte das Mitglied der palästinensischen Verwaltung weiter. Auch so erscheine ein friedlicher Ansatz in einem negativen Licht.