Tripolis/Istanbul. Einen Tag nach dem Tod des langjährigen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi ist angeblich dessen zweitältester Sohn Saif al-Islam festgenommen worden. Kämpfer des Nationalrats hätten ihn in Slitan, 160 Kilometer östlich von Tripolis, gefangen genommen, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabiya unter Berufung auf einen der Beteiligten. Er soll am Rücken verletzt sein, hieß es. Offiziell wurde der Bericht noch nicht bestätigt. Am Vortag war noch der Tod von Saif al-Islam verkündet worden.

  Sollte sich die Meldung bewahrheiten, dann wäre mit Saif al-Islam der letzte, noch in Libyen flüchtige Gaddafi-Sohn dingfest gemacht worden. Am Donnerstag waren bei den letzten Kämpfen in Sirte, 410 Kilometer östlich von Tripolis,  Gaddafi selbst und sein Sohn Motassim festgenommen und getötet worden. Am Donnerstagabend hatte das offizielle Fernsehen des Übergangsrates auch Saif al-Islams Tod gemeldet. Doch anders als im Falle des Vaters und des Bruders tauchte sein Leichnam nicht im Krankenhaus von Misrata auf.

Das sanfte Gesicht
Saif al-Islam galt als das sanfte Gesicht des despotischen Gaddafi-Clans. Anders als sein Vater und seine Brüder Hannibal und Al-Saadi fiel er weder durch Skandale noch durch cholerische Ausbrüche auf. Wie sein Vater Muammar pflegte er aber enge Kontakte zu Österreich.

Viel ist in den vergangenen Jahren darüber spekuliert worden, ob sein Aufruf zu Reformen echt war, oder ob es sich um ein von der Familie Gaddafi inszeniertes Theater handelte, mit dem man das zunehmend unzufriedene Volk bei Laune halten wollte.

Was an den Auftritten des Gaddafi-Sohnes schockierend wirkte, war die Lässigkeit bis hin zum Zynismus, die Saif al-Islam an den Tag legte, wenn er über Folter und Rüstungsgeschäfte sprach - Themen, die von arabischen Politikern sonst meist umschifft wurden. Doch im Vergleich zu seinem Vater, dem der frühere ägyptische Präsident Anwar eal-Sadat den Spitznamen "der Verrückte aus Libyen" verpasst hatte, wirkte der Absolvent einer Londoner Universität geradezu nüchtern und pragmatisch. Anders als der Vater, dem er nicht ähnlich sah, trat er ohne weibliche Leibgarde und farbenprächtige Gewänder auf.

Saif al-Islam wollte das libysche System schrittweise umbauen. Er wollte einige Elemente der politischen Theorie seines Vaters über Bord werfen. Er glaubte, dass Libyen eine Verfassung und eine effektive Verwaltung haben sollte. Einmal erklärte er sogar: "Wir in Libyen träumen von Demokratie." Welchen Spielraum ihm der Vater gelassen hatte, dazu äußerte sich der 39-Jährige immer nur sehr vage.