Wien. Sexuelle Gewalt, eine Frau, die von schrecklichen Erinnerungen gequält wird, dazu ungeklärte Schuldfragen: Der Politthriller "Der Tod und das Mädchen" steht im Wiener stadtTheater auf dem Spielplan, es geht um Liebe, Tortur und tief sitzende Verletzungen.

Das Stück des Chilenen Ariel Dorfman verstört - und wirft Fragen auf. Der Historiker und Autor Peter Huemer hat das zum Anlass genommen, um zwei Experten - Barbara Preitler und Manfred Nowak - zu einem Gespräch in das stadtTheater in die Walfischgasse zu laden. Preitler arbeitet als Psychotherapeutin bei Hemayat und kümmert sich dort um Flüchtlinge, die in Österreich um Asyl ansuchen, Nowak ist Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Menschenrechte und war jahrelang UN-Beauftragter für Folterbekämpfung.

"Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Folter prägt das ganze Leben", weiß Therapeutin Preitler, die viele Traumatisierte unter ihren Patienten hat. "Die Foltererfahrung verschwindet nicht, sie kann aber durch Therapie zu einem bewältigbaren Teil der persönlichen Vergangenheit werden."

Preitler und Nowak sind sich einig, dass die unmittelbare Foltersituation im Vergleich zu den Langzeit-Schäden harmlos ist. "Oft gelingt es Gefolterten, während der Tortur ihre Emotionen wegzuschalten", so Preitler; Nowak spricht von der Möglichkeit, das "Bewusstsein abzuschalten" und für die Dauer der Folter in eine gleichsam "pflanzliche Existenz" überzuwechseln.

Zeitversetzter Alptraum

Die Qualen, so Preitler, fangen nach der Folter richtig an. "Die Emotionen tauchen später wieder auf. Das Opfer hat das Gefühl, verrückt zu werden. Dabei sind diese Gefühle real, sie kommen nur zeitversetzt." Die Opfer seien der Foltersituation ausgeliefert, "zu 100 Prozent ohnmächtig". Deshalb ist es laut Preitler wichtig, Asylwerber aus ihrer Hilflosigkeit zu bringen, "zu ermächtigen" und in der Therapie ein Umfeld der Sicherheit zu schaffen. Im "juristischen Setting" der Asylverfahren hingegen sei das Gegenteil der Fall, kritisiert Preitler. Der Traumatisierte sehe sich mit einer Verhörsituation konfrontiert, die er nur zu gut kenne; seinen Angaben würde oft kein Glauben geschenkt. Auch sei es Folter-Opfern wegen der Außerordentlichkeit des Erlittenen nicht immer möglich, die Geschehnisse chronologisch korrekt wiederzugeben. Gefolterte Flüchtlinge in Schubhaft zu stecken, ist für die Therapeutin der Gipfel der Ignoranz. Bei dem Inhaftierten käme dann die Erinnerung an früher erlittene Qualen hoch, das Opfer werde aufs Neue traumatisiert.

Die psychischen Wunden, so Preitler, werden von Folteropfern oft als körperliches Leiden wahrgenommen. Afghanische Flüchtlinge etwa würden häufig über Herzschmerzen klagen, auch wenn mit dem Organ selber alles in Ordnung sei. Der Einsatz von Psychopharmaka wäre wichtig, betont Preitler, das sei aber keine Lösung. Medikamente seien mit Krücken vergleichbar, die die eigentliche Erkrankung, ein gebrochenes Bein etwa, nicht heilen könnten. Pillen seien nur in der Lage, Folter-Symptome wie Nervosität, Panikattacken und Dauer-Anspannung zu reduzieren.

Für Manfred Nowak, der als UN-Beauftragter weltweit unzählige Gefängnisse besucht hat, ist Folter ein "Privileg der Armen". Zu 90 bis 95 Prozent stehe Folter nicht im Zusammenhang mit vermuteten Terrorakten oder Widerstand gegen Diktaturen. Meist gehe es darum, dass Polizisten - von einer korrupten Justiz unterstützt - Folter einsetzten, um Geständnisse zu erpressen, mit dem Ziel, die Aufklärungsrate von Kriminalfällen zu erhöhen. Folter werde auch zum Zweck der Machtdemonstration eingesetzt, um dem Verhörten die Aussichtslosigkeit seiner Lage vor Augen zu führen.

Die Gründe für Folter und die Methoden seien heute die gleichen wie zur Zeit der spanischen Inquisition, so Nowak. Einziger Unterschied: "Früher war Folter legal, heute ist sie illegal." Nowak zieht zudem Parallelen zwischen Folterer und Gefolterten: "Beide sind Opfer, beide sind dehumanisiert", so der Jurist. Allerdings hätten die Täter die Möglichkeit, sich der Justiz zu stellen und ein neues Leben zu beginnen, wirft Preitler ein. Die Gefolterten hingegen seien für immer gezeichnet. Einigkeit herrscht, dass Unmündigkeit, autoritäre Erziehung und ein Mangel an Bildung die Bereitschaft, zum Täter zu werden, begünstigen. Nowak vertraut hier weniger auf die Widerstandskraft des Individuums - für ihn ist wichtig, dass Strukturen geschaffen werden, die Folter dauerhaft unmöglich machen.