Damaskus/Istanbul. (leg/apa) Der blutige Machtkampf in Syrien bekommt immer stärker eine religiöse Schlagseite. In der Nacht auf Dienstag meldete die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter, in der Stadt Homs habe ein Aktivist auf einem Platz 34 Leichen liegen sehen. Die Getöteten waren offenbar Sunniten, die zuvor von Angehörigen der alawitischen Shabiha-Miliz verschleppt worden waren. Die Miliz, deren Name sich vom arabischen Wort "shaba" für "Phantom" oder "Gespenst" ableitet, ist in der Bevölkerung wegen ihrer Grausamkeit gefürchtet. Die schwarz gekleideten Freischärler schwärmen meist dann aus, wenn die Armee ein Dorf oder Stadtviertel erobert hat. Sie plündern und morden, sollen in Schutzgelderpressungen, Schmuggel und Drogenhandel verstrickt sein.

In Syrien steht die großteils regimetreue Minderheit der Alawiten, rund sechs Prozent der Bevölkerung, der regimekritischen sunnitischen Mehrheit von 75 Prozent gegenüber. Präsident Bashar al-Assad und seine Familie sind alawitisch. Die Opposition in Syrien bemüht sich zwar, eine Spaltung zwischen Sunniten und Alawiten zu vermeiden, Beobachter sprechen jedoch von großen Spannungen zwischen den Religionsgruppen. Das Assad-Regime stützt sich in erheblichem Maße auf Alawiten, die nicht mit den benachbarten türkischen Aleviten verwechselt werden sollten. Sie gelten als eine fast schon gnostische Gruppierung des Islam. In schroffem Gegensatz zur Buchstabengläubigkeit islamischer Fundamentalisten glauben sie an eine verborgene Botschaft des Koran, verzichten auf Mission und unterwerfen sich auch nicht der Scharia. Für viele Sunniten gelten sie daher nicht als Muslime.