Kabul/Washington. (rs) "Yeah", sagt der Mann, der links im Bild steht, und beginnt zu lachen. Die drei anderen Soldaten stimmen ein wenig verlegen in das Gelächter ein, wie Halbwüchsige, die sich auf einmal nicht mehr ganz so sicher sind, ob der aktuelle Lausbubenstreich tatsächlich so lustig ist. Dann macht einer der Männer einen Scherz über eine "goldene Dusche" und die kurzfristig aufgezogenen Bedenken sind wie weggeblasen. Das Lachen klingt wieder befreit.

Mit einem Lausbubenstreich hat das am Mittwochabend auf diversen Internet-Plattformen aufgetauchte Video allerdings nichts zu tun. Im Gegenteil. Fast vierzig Sekunden lang ist zu sehen, wie die vier Soldaten des US-Marine-Corps auf die blutverschmierten Leichen dreier getöteter Taliban-Kämpfer urinieren. Erst als die Männer, die den Uniformen nach einem Scharfschützenkommando angehören, fertig sind, wendet sich auch die Kamera ab.

Die auf dem Video gezeigten Taten würden allen Werten der US-Eliteeinheit und dem Charakter der dort dienenden Soldaten widersprechen, betonte das Marine Corps. Man bemühe sich, den Vorfall so rasch wie möglich aufzuklären. Ein Sprecher der US-Marineinfanteristen sagte am Donnerstag, das Militär kenne die Einheit, deren Mitglieder auf getötete Aufständische uriniert haben sollen. Mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nannte er aber keine Einzelheiten. Ein ranghoher Verteidigungsbeamter sagte, auch die Identität der vier Soldaten sei bekannt. Laut dem US-Nachrichtensender CNN soll es sich um Marineinfanteristen vom Stützpunkt Camp Lejeune im Bundesstaat North Carolina handeln, die zwischen Februar und Oktober 2011 vorwiegend in der afghanischen Provinz Helmand stationiert gewesen seien.

Man sei zutiefst verstört, erklärte der afghanische Präsident Hamid Karzai am Donnerstag. "Diese Tat amerikanischer Soldaten ist zutiefst unmenschlich." Die USA müssten die vier Marines nun so hart wie möglich bestrafen. Ebenso scharf wurde das Video von den Taliban verurteilt. "Das ist eine unmenschliche, unmoralische und brutale Tat der Invasoren", sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mujahid. Der Vorfall werde dazu beitragen, "dass die Amerikaner und ihre Alliierten ein kurzes Leben in Afghanistan haben".

"Ungeheuer und ekelhaft"

Bestürzt zeigte man sich auch im amerikanischen Verteidigungsministerium. "Es ist abscheulich. Es hat mir den Magen umgedreht", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. "Egal, wer das in dem Video ist oder wie die Umstände waren - dieses Verhalten ist ungeheuerlich und ekelhaft." Auch US-Verteidigungsminister Leon Panetta verurteilte die Tat scharf.

Für die USA steht derzeit in Afghanistan viel auf dem Spiel. Nach einem mehr als zehnjährigen Krieg versuchen die Amerikaner und die afghanische Regierung, mit den Taliban Frieden zu schließen. Zaghafte Anzeichen für ein erstes Aufeinanderzugehen gibt es bereits seit einiger Zeit. So wollen die Taliban etwa im Golfstaat Katar ein Verbindungsbüro eröffnen, das die internationale Kontaktpflege künftig erleichtern dürfte. Dieses Wochenende wird zudem der Unterhändler von US-Präsident Barack Obama zu neuen Gesprächen in Afghanistan erwartet.

Falls die Affäre um die Schändung der getöteten Taliban ähnliche Dimensionen erreicht wie damals bei den von US-Soldaten im irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib begangenen Misshandlungen, könnten die Friedensbemühungen am Hindukusch allerdings deutlich Schaden nehmen. Ein Vertreter des Hohen Friedensrates, der mit Verhandlungen mit den Taliban betraut ist, erklärte, wegen derartiger Aufnahmen könnten die Taliban leicht junge Menschen für sich gewinnen.

Derzeit geben sich die Taliban in einigen schon zuvor festgelegten Punkten aber noch verhandlungsbereit. Das Video werde keine Auswirkungen auf Gespräche oder einen geplanten Gefangenenaustausch haben, sagte Taliban-Sprecher Moudjahid. Zusätzlichen Anlass zu Hoffnung gab er jedoch nicht: Die Gesprächsbereitschaft dürfe nicht als Aufgabe des bewaffneten Kampfes oder als Anerkennung der afghanischen Zentralregierung gesehen werden.