"Europa erträgt nicht, dass Iran eigenen Willen hat"


Es muss zudem eine Genugtuung für die Perser gewesen sein, dass sich der Kreml in den letzten Tagen demonstrativ Iran-freundlich gezeigt und weitere UN-Sanktionen kategorisch ausgeschlossen hat. In dieselbe Kerbe schlug auch China. Ein Sprecher des Außenamtes betonte, dass die jüngsten Sanktionen überhaupt nicht konstruktiv seien und sein Land hoffe, dass die EU diese kontraproduktiven Schritte künftig unterlassen würde.

Der pakistanische Vizepräsident Awami Tehreek Agha Murtaza Poya ging sogar noch einen Schritt weiter und meinte, dass die Sanktionen weder den wissenschaftlichen Fortschritt noch die wirtschaftliche Entwicklung des Iran stoppen könnten. Offenbar könne es Europa nicht verkraften, dass der Iran seinen eigenen Willen habe und sich nicht den der Europäer aufzwingen lassen wolle. Somit seien die Sanktionen für ihn ein "Akt der Verzweiflung".

Einen Schuss nach hinten erzielt die EU auch mit ihrem Sanktionspaket: Auch im Iran selbst wird es nämlich viele Nutznießer der Sanktionen geben. "Sie kennen das doch. Strafmaßnahmen und Sanktionen führen immer zu einer raschen Schwarzmarktbildung - und davon werden wir hier auf jeden Fall profitieren. Es wird eine Tür geschlossen und fünf andere öffnen sich. Am Ende des Tages wird die Improvisationskunst der Perser siegen, um die Sanktionen zu umgehen", meint einer der Handelstreibenden ("Bazari") in Teheran im telefonischen Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die EU hofft, den Ausfall iranischen Öls durch Lieferungen aus Saudi-Arabien (Bild) ersetzen zu können. Die Saudis, die gegen Teheran um die Vormacht in der Region kämpfen, haben solches versprochen. - © EPA
Die EU hofft, den Ausfall iranischen Öls durch Lieferungen aus Saudi-Arabien (Bild) ersetzen zu können. Die Saudis, die gegen Teheran um die Vormacht in der Region kämpfen, haben solches versprochen. - © EPA

Schmuggler profitieren - auch die Revolutionsgarden?


Andere Experten rechnen damit, dass fortan auch die paramilitärischen Revolutionsgarden dazuverdienen würden, denn sie könnten sich dafür bezahlen lassen, organisierten Schmuggel und Scheinfirmen zu tolerieren.

Eines hat die Debatte im Iran auf jeden Fall bewirkt: Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Westen, aber auch mit dem eigenen Regime und dessen Politik kommt nach und nach ans Tageslicht. "Ein großer Dank an die Europäer, sie haben uns mit diesen Sanktionen ein weiteres Mal an den Rand des Abgrundes getrieben. Wir Perser haben in diesem iranischen Kalenderjahr bereits die Kürzung der staatlichen Subventionen bei Treibstoff und Lebensmittel hinnehmen müssen. Zudem belastete dieses Regime mit der Erhöhung der Miet- und Energiepreise vor allem das Haushaltsbudget der ärmeren Schichten. Wie sollen wir den unsere Familien ernähren?", will Saman A. aus der iranischen Stadt Mashad wissen.

Seine Ehefrau, Samira R. ergänzt: "Die jüngsten Sanktionen werden binnen kurzer Zeit an das Volk weitergegeben. Höhere Inflation, weniger und teurere Markenwaren aus dem Westen und ein weiterer rasanter Anstieg der Arbeitslosigkeit und somit ein fortschreitendes Auseinanderklaffen der sozialen Schere werden die logischen Folgen sein."

Diese Unzufriedenheit könnte sich nun im Wahlergebnis bei den Parlamentswahlen im März niederschlagen. Viele sprechen bereits jetzt von einer Denkzettelwahl für Präsident Ahmadinejad - wenn es diesem nicht gelingt, die vorhandene antiwestliche Stimmung zu seinen Gunsten umzumünzen.