Kabul. Der Amoklauf eines US-Soldaten in Afghanistan zieht weitere Kreise. Radikal-islamische Taliban drohten gar mit der Enthauptung seiner Kameraden. Indes wurde bekannt, dass der Täter massive Hirnverletzungen hatte. US-Verteidigungsminister Panetta schloss eine Todesstrafe für den Amokläufer nicht aus. In Afghanistan regt sich massiver Widerstand gegen den US-Einsatz im Land. Am Dienstag wurde eine hochrangige Regierungsdelegation von Aufständischen angegriffen.

Die Taliban warnten "die amerikanischen Tiere, dass die Mudschahedin Rache üben, und mit Allahs Hilfe eure sadistischen mörderischen Soldaten töten und enthaupten werden", hieß es am Dienstag in einer Erklärung des Taliban-Sprechers Sabihullah Mudschahid, die per E-Mail verbreitet wurde.

Am Dienstag ist eine hochrangige Regierungsdelegation zur Untersuchung des Amoklaufes am Ort des Massakers von Aufständischen angegriffen worden. Ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur, der die Delegation in den Distrikt Panjwai begleitete, berichtete von Explosionen und Schüssen. Sicherheitskräfte erwiderten das Feuer der Aufständischen, die von verschiedenen Seiten aus angegriffen hätten, sagte er. Mindestens ein Zivilist sei verletzt worden.

Amokläufer hatte Kopfverletzungen
Indes dringen erstmals Details über den mutmaßlichen Täter an die Öffentlichkeit. Wie der TV-Sender CNN berichtete, habe der inzwischen Inhaftierte 2010 bei einem Einsatz im Irak schwere Kopfverletzungen erlitten. Militärärzte hätten ihn dennoch für einen Einsatz in Afghanistan für fit erklärt. Die nicht näher bezeichneten Hirnverletzungen habe sich der heute 38 Jahre alte Soldat bei einem Autounfall zugezogen, hieß es weiter. Es handle sich um einen ausgebildeten Scharfschützen, der insgesamt dreimal im Irak gedient habe. Der Festgenommene verweigere die Aussage.

Aus NATO-Kreisen verlautete, es sei noch unklar, ob der Soldat in den USA oder in Afghanistan angeklagt werde. So oder so würde ihm wegen eines Abkommens zwischen beiden Staaten der Prozess nach amerikanischem Recht gemacht. US-Verteidigungsminister Leon Panetta schloss nicht aus, dass der mutmaßliche Amoklauf des US-Soldaten mit der Todesstrafe geahndet werden könnte. "Nach meinem Verständnis könnte das unter diesen Umständen infrage kommen", sagte Panetta am Montag (Ortszeit) vor Journalisten. Er machte zugleich deutlich, dass die Tötungen die Afghanistan-Pläne der US-Regierung nicht durchkreuzen würden. "Wir können nicht zulassen, dass diese Ereignisse unsere Strategie oder die Mission untergraben, die wir haben", sagte er an Bord eines US-Militärflugzeugs auf einem Flug nach Kirgisistan.

Der Kommandant der NATO-Truppen in Afghanistan, US-General John Allen, betonte, nach bisherigen Ermittlungen müsse man von einem Einzeltäter ausgehen. Dieser habe sich in der Nacht zum Sonntag von seinem Stützpunkt im Unruhedistrikt Pandshwai entfernt. Darauf sei ein Suchtrupp aufgestellt worden, sagte Allen weiter. Kurz darauf habe man aber bereits erste Informationen über das Massaker erfahren.

Proteste gegen US-Einsatz
In Afghanistan protestierten am Dienstag Hunderte Menschen gegen den Einsatz der USA in ihrem Land. Rund 400 Studenten riefen in der ostafghanischen Stadt Jalalabad US-feindliche Parolen wie "Tod für Amerika - Tod für Obama", wie Augenzeugen berichteten. Die Menge zeigte demnach Bilder des US-Staatschefs und Schilder mit Protestsprüchen. Der "Heilige Krieg" sei der "einzige Weg", die US-Streitkräfte aus Afghanistan zu vertreiben, riefen die Demonstranten den Zeugen zufolge bei dem ersten Protest seit dem Amoklauf.

Die Demonstranten forderten zugleich, den US-Soldaten, der am Sonntag in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Dorfbewohner getötet hatte, in Afghanistan öffentlich vor Gericht zu stellen. Sie schlossen sich damit einer offiziellen Forderung des Parlaments in der Hauptstadt Kabul vom Montag an.

Erst vor wenigen Wochen hatte es in Afghanistan Massenproteste gegen die US-Streitkräfte gegeben, nachdem bekannt geworden war, dass auf einem Stützpunkt Koran-Exemplare verbrannt worden waren. Bei den Protesten starben damals rund 40 Menschen.